Das Licht am Ende des Tunnels ist ein Zug

Text: | Ressort: Musik | 3. Februar 2019

Gerade erinnere ich mich an die Flowerpornoes, die Anfang der Neunziger mit „Mamas Pfirsiche für schlechte Zeiten“ eine wirklich tolle Folkrock-Platte abgeliefert hatten. Fast hatte ich das schon vergessen – und da war auch lange nichts, außer natürlich den Platten von Fink, Locas in Love, Ja, König Ja oder Tilman Rossmy. Jetzt überrascht mich Kevin Hamman mit seiner Band Clickclickdecker mit dem neuen Album „Am Arsch der kleinen Aufmerksamkeiten“, und sie machen darauf wirklich guten Folkrock. Und ganz nebenbei verkörpert Kevins Stimme die Stimmen Tom Liwas, Tilman Rossmys, Nils Koppruchs wie auch Björn Sonnenbergs wie ein Medium, das all seine Sinne auf eine Zwischenwelt ausgerichtet zu haben scheint. Dabei haben Clickclickdecker das nicht nötig, oder beabsichtigt, oder sonst gar irgendwelche übersinnlichen Botschaften oder Expertisen im Programm. Allein der an sich schon sehr eigenwillige Ausdruck, welcher auch das Projekt „Bratze“ stimmlich in die ganz hohe Sphäre schoß, lässt mich erinnern,
dass Kevin Hamanns Stimme mehr als die eines Sängers war … Aber, was war es, was seinen Duktus so ungewöhnlich machte?

Jedenfalls ereignet sich jetzt hier etwas Besonderes, ohne dass dies wohl irgendwer bewusst angestrebt hätte: eine Transformation einiger der erwähnenswertesten deutschsprachigen Singer/Songwriter in/auf „Am Arsch …“. Etwas spitzt sich zu, fährt auf einen Höhepunkt, erreicht einen Ausdruck fast magischer Art, kulminiert zu etwas Neuem, einen neuen temporären Treffpunkt „ … der kleinen Aufmerksamkeiten“. Die ganzen Ingredienzien sind simpel und – vielleicht liegt dort das Geheimnis – sie möchten gar nichts vortäuschen oder kopieren, nur einfach aufnehmen und weitergeben. Es kann ja sein, dass ich mich irre. Natürlich ist dies möglich. Nicht ausgeschlossen. Ein erster Eindruck ist immer nur ein erster Versuch, eine erste Einschätzung – aber, auch dieses Album verlässt sich nun mal auf erste Eindrücke, wie es sich auch auf Bauchgefühl und Vorurteile einlässt.

Daher wage ich die Prognose: diese Platte ist ein ganz großer Schritt für Clickclickdecker und auch ein wichtiger weiterer kleiner Schritt in der deutschsprachigen Popmusik Richtung coolster Independend-Alternative-Music: „ Ein wenig anders sein, bisschen seltsam“ … (Festschwimmen) – ja, man muss seltsamerweise gar nicht den extremen Ausdruck suchen, um etwas komplett Anderes damit zu sagen. „Etwas wagen“ kommt meist aus dem Super-Privaten, und damit kennen sich Clickclickdecker offenbar gerade gut aus. Hatte ich Blumfeld eigentlich absichtlich noch nicht erwähnt? Das ist auch gut so. Und doch fielen sie mir eben noch ein, denn ohne Blumfeld oder Die Regierung gäbe es keine, oder zumindest weniger, Intimitäten im Indierock. Das kannten wir früher nur von englischen Bands wie den Smiths oder den Cure.

Privat bekommt hier, bei ClickclickDecker, einen hohen Stellenwert – es scheint etwas Erlebtes auf, ganz ohne Dramatik oder Allüren. Hier geht es um die nackte Haut. Hier sprechen viele Stimmen durch Kevin Hamann. Hier spüren einige schlaue Mischer im Deutschpop echte neue Nuancen auf. Und nur so geht es voran, gibt es Fortschritt, indem man sich vorsichtig und mit langem Atem auf viele Stimmen einläßt. Den langen „Marsch zu Dir selbst“ („Liebchen“) zu unternehmen, das ist keine geniale, sprunghafte Aktion, das ist wirklich das Ergebnis einer längeren Entwicklung, einer Suche. Und eben diese Suche nimmt man Clickclickdecker ab, glaubt sie, hat sie womöglich ganz ähnlich erlebt. Hier ist ein Songwriter und eine Band gereift, ohne zu altern oder sich sinnlos zu wiederholen. Alles, was hier wiederholt wird, sind die Sehnsüchte und die Fragen zu Gründen oder Menschen.

Jörg Gruneberg

Clickclickdecker – Am Arsch der kleinen Aufmerksamkeiten (16.11.2018) / Audiolith

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