Im liquidierten Jetzt

Text: | Ressort: Musik | 31. März 2019

Nicolai Sczymanski gelingt es in seinem neuestem Solo-Projekt, Minimalismus als Geschichtsunterricht für den kosmopolitischen Mainstream zu verpacken. Er skizziert dabei Bewegung nicht mehr als aus Neugier oder Leidenschaft, sondern kalt, als aus dem Prinzip der Machbarkeit heraus erschaffen. Erzählt wird unter der Überschrift einer weltumfassenden Metapher – „Airchina“ hätte auch „Panamericana“ oder „Gobaltransfer“ betitelt werden können – eine Geschichte, in der Cut-Ups zur Norm geworden sind, bei der man Töne und Melodien nicht mehr mit Erfahrungen in Einklang setzen muss. Fortschritt durch Erkenntnis werden zur Reihung von Ereignissen der Technik, einer Miniatur wie auch Weiterführung der zynisch-eskapistischen Konzepte von Kraftwerk, Klaus Schulze oder neuerdings Sankt Otten, wobei die düster-romantische Ironie Letzterer hier subtiler Lounge-Melancholie weicht. Die Absicht dahinter scheint nicht auf Orientierung oder Kritik, sondern auf die Darstellung gebrochener Wahrnehmungszustände im Wohlfühlambiente zu zielen.

Stilistisch wird unter anderem der ungestüm fordernde Naivität des Yellow Magic Orchestra eine sanft zweifelnde Direktheit des Sounds gegenübergestellt. Das erinnert an Sensoramas Album „Love“ von 1998, zu dem Sascha Kösch (in De:Bug Nr. 10/1998) bemerkte: „Elektronische Musik (ist) über die Jahre zu dem Ort geworden, der sagen kann, was geschehen wird.“ Tanzbarkeit und Soul, wie man sie bei Roman Flügel/Sensorama, oder auch Tracks von Wolfgang Voigt, Thomas Fehlmann, Jürgen Paape sowie den Italic-Label-Genossen Von Spar findet, strahlt Airchinas technisch transparenter Klang dagegen nur an wenigen Stellen aus – und selbst, wenn der Beat einsetzt, gerät dieser nie außer Kontrolle. Im Vergleich etwa mit Mouse On Mars oder Oval, bleibt heir alles unspektakulär bis unbestimmt. Dennoch, oder gerade daher, kann man darin die Orientierung verlieren wie in einem Puzzlespiel. Die Teile liegen nüchtern und übersichtlich ausgebreitet da, beim Verknüpfen jedoch entsteht ein Spiel mit Entfernungen und Brüchen.

Es wird neu gemischt, ohne Retro-Markierungen oder Leitsysteme, die durch den nächtlichen Raum rückversichern. Etwas Mysteriöses entsteht durch Auslassungen, und diese erzeugen Suspense – die Neugier setzt mit dem ersten Ton ein und verklingt bis zum Ende nie. Filmmusik!? Eher nein. Vielleicht eine Art Weltmusik, die den internationalen Kulturaustausch des postindustriellen Bürgertums qualitativ beleuchtet. Dabei erscheinen Kultur wie Privates als Medien, die wir lediglich durchqueren oder betrachten – jedoch nicht klassifizieren können. Etabliert hat sich eine Kenntnis aller Kanäle, als moderner Mythos, und diese Netzwerke via Kommunikation zu durchschnellen und zu beherrschen gerät zum Kollektivtraum. „LP1“ illustriert subtil diesen Größenwahn und dunkle Lust zur Selbstauflösung, eine Angst vor dem Verlust von Sprache, wie der von der Möglichkeit des Irrtums.

Mit Titeln, die allesamt Verknüpfungen zu Distanz-Metaphern beinhalten, wie „Cars“, „Concorde“, „Blackbox“, „The Call“, „Clouds“, „Echolot“ „Concrete“, „Writing“ oder „Dream Emulator“, tastet sich Airchina durch Fehlersysteme, immer eng an verlorenen Leidenschaften haftend. Glas-Harmonika und Mikro-Drumset schaffen diesen heterogenen, schönen, sterilen Raum, nicht, um damit rhythmisch-spekulativ die These aufrecht zu erhalten, elektronische Musik sei langweilig und angepasst. Das passiert nur dann, wenn man nicht darauf einsteigt, sie als Hintergrund-, nicht als Erzähl-Stimme wahrnimmt. Sczymanski zeigt unaufdringlich, aber dabei virtuos, wie man, mit minimaler Instrumentierung und atemraubender Verkürzung, Verzweigungen und Schichten über- und nebeneinander legen kann, ganz ohne Bombast und exotische Färbungen. So gläsern, kühl und gleichzeitig komplex und verspielt, habe ich seit geraumer Zeit keine instrumentale Pop-Musik mehr wahrgenommen.

Jörg Gruneberg

Airchina – LP1, Italic 2018

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