Niemals Abgebrüht

Text: | Ressort: Musik | 27. November 2019

PASCOW – JADE

Gute Alben reichen nicht für Super-Groups, und „Jade“ von Pascow trägt diesen Anspruch schon im Titel. Das Ding sollte glänzen, alles überstrahlen. Es wurde ein Quäntchen zu sehr soundtechnisch auf Hochglanz poliert und ist damit haarscharf auf eine Klippe geschippert. Ist der systemische Leistungsdruck nach dem Metal-Superlativen wie Speed, Doom, Trash oder gar Death, nun auch aufs Fach Punkrock übergesprungen – oder was ist hier zu hören, wurde so etwas wie Jewel-Punk versucht?Zurecht, ist zu bemerken, dass Pascow auf ihrem Album zwar die klassische Punk-Instrumentierung als Werkzeug aus dem FF bedienen. Doch es sind nicht die Instrumente, die hier eine Apperzeption evozieren. Nein, ganz bestimmt reicht der geile Klang allein nicht aus, um die Aufmerksamkeit zu triggern. Vorrangig klotzen Pascow hier wieder mit ihrem Talent, eine lebendige, authentische Grundstimmung zu erzeugen. Und die macht das Album ehrlich, plastisch zu greifen – alles super. Sogar ein Wahnsinns Cover-Design, und davon noch gleich zwei Versionen – alles im Kiss-Solo-Melvins-Spooky-Stil. Sehr gut diese Verpackung, und sehr, sehr stimmig. Auch den Nerv der Zeit getroffen, Bravo! Zudem sitzen bei Pascow die Emotionen ungelenk verrenkt hörbar in fast aussichtslosem Derangement, und das zeigt viel von ihrer Reflektion von Gegenwart, ergibt genau das passende Abbild, fast schon ein Abziehbild unserer Zeit. Pascow reagieren auf Realität mittels Bauchgefühl. Da schwebt durchaus Eleganz über dem Harte-Männer-Rock. Auf „Jade“ werden die ganze Melancholie, die Wut, der Zweifel aber zu allem Überfluss noch mal so richtig studiotechnisch aufgeblasen, Jewel-Case-Produktion und: „Peng!,“ ins Ohr geballert. Sanfte Melodien bleiben in den Songs, unterhalb des rauhen Akkord-Cocons, erhalten. Soweit so gut. Im Grunde auch nicht anstrengender als auf Hochglanz polierter Metal, der die Lautsprecher sprengen soll. Genau dieser Spagat, zwischen Metal, Punk, Rock und fetter Produktion, zeichnet Pascow ja aus. Er gelingt ihnen wie kaum einer anderen Band. Nur funktioniert diese Mischung diesmal nicht durchgängig. Das hatten Abwärts und Faith No More, die in „Unter Geiern“ kurz zitiert werden, auch zeitweise toll hinbekommen, und zeitweise sind auch sie daran gescheitert. Es bleibt ein Balance-Akt, mit harter Kante metallisch nicht zu abgebrüht und studiotechnisch nicht zu steril rüberzukommen. Den Kompressor immer im Auge zu behalten, zu Zeiten mal eine Stufe runterfahren, immer für genügend Luftlöcher im Wall-Of-Sound zu sorgen, oder noch mehr Raum für Experimente und Improvisation zulassen, hätte vielleicht helfen können. Hätte, – ja. Aber, wer hat schon das richtige Rezept für ein Gesamtkunstwerk? Ein gutes Album bleibt es immer noch – und das Erfreuliche ist: es erscheint mir wichtig und relevant, und es ist selbst innerhalb der politisch engagierten Punkszene deutlich herauszuhören als zwar eindeutig positioniert und hart austeilend, darüber aber – selbst bei lauter Pressstimme – sehr frisch im Denken, niemals abgebrüht, und dabei differenziert emotional bleibend. Auf die sicher etwas ungeschlifferenen Konzerte darf man sich jetzt schon freuen!

Jörg

Pascow – Jade, Kidnap Music / Rookie Records 2019

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