Abseits jeglicher Geschwätzigkeit

Text: | Ressort: Musik | 28. Juli 2020

Es gibt hin und wieder unaufgeregte Bands, die es auch mit leiseren Tönen schaffen die Aufmerksamkeit des Hörers zu fesseln. Die Melenas aus dem baskischen Pamplona produzieren unzweifelhaft jene Kategorie von Musik, die es nicht darauf anlegt sich mit Spektakel oder Lautstärke im Kognitiven Bewusstsein festzusetzen. Und dies trotz deutlicher Surf-, Punk- und Postpunk-Anleihen. Natürlich strömen mir da sofort Vergleiche mit Yo La Tengo, Stereolab, Galaxie 500, R.E.M. oder Biff, Bang, Pow aus dem Hinterkopf, wobei hiermit nur die prominentesten Vertreter jener nicht nachlassenden Welle genannt werden sollen, die sich an Velvet Undergrounds lakonischem Schwermut-Rock‘n‘Roll und Beat orientiert haben. Komisch eigentlich, dass dies nicht langsam langweilig geworden ist, bzw. die Endlosschleife nicht den Geist endlich ermüdet hat. Vielleicht ist es wie mit guten Gedichten, stimmiger Prosa – jene bleiben oft relevant, die sich nicht mit Zeitgeist und modischem Schnick-Schnack zu sehr herauszuputzen suchen, um um jeden Preis aufzufallen. So plätschert das Schlagzeug, begleitet von Chorgesang und sich gegenseitig antreibender Rhythmus- und Solo-Gitarre bis zum Ende der elf Stücke dahin, ohne dass man wirklich nur einen einzigen neuen Ton hätte erhaschen können, den man noch nicht von irgendwo her bereits kannte. Und doch bin ich fasziniert von der schlichten Schönheit und Ruhe dieses Albums. Die Haltung hinter den Songs hat dann auch vordergründig gar nichts mit Originalität oder Virtuosität am Hut, muss und will sich offenbar nicht neu definieren. Wenn auch die bekannten Versatzstücke der Musik der Melenas noch so präzise heraus seziert und eingeordnet werden könnten, so dass nichts Eigenes mehr übrig bliebe, so mündet der Verlauf des Albums letztlich in ein stimmiges Wohlgefühl ohne Retro-Nachhall. Besonders hervor zu heben sind beim Mix der Songs, dass die Bassistin hier sehr laut und tragend zu hören ist, was ich persönlich mag – was die Musik sehr kraftvoll und erdig macht. Die Keyboarderin und die Gitarristin werfen sich ihre Soli und Riffs im Wechsel hin und her, ohne dass dies mich als Paisley Underground-Fan nervt, im Gegenteil. Das treibend fordernde Offbeat-Spiel der Drummerin wurde im Mix dezent zurückgenommen, auf zu viel Becken/Cymbals verzichtet die Band ebenso; so dringen die teils scharfen und kantigen Keyboard- und Gitarren-Einlagen besser durch. Gesungen wird gern über viel Hall mit Satz- und Chor-Passagen. Die Midtempostücke erinnern daher schnell an Stereolab, die Schnellen eher an Yo La Tengo und die Langsamen teils an Galaxie 500. Und, wie gesagt, das ist kein Makel, oder schale Kopie, denn es klingt darüber hinaus stets authentisch und frisch. Die Melodien geraten, ähnlich vielleicht den Songs von R.E.M., niemals zu glatt, nie ganz zu Hymnen, wenn sie teils hoch hinauf streben. Wenn jemand dann auch noch, vielleicht im Song „En Madrid“, Belle And Sebastian heraus hört, so ist dem nun wirklich nicht zu widersprechen. Die Breaks, Tempowechsel und Keyboard-Effekte mögen noch so stark an Letztgenannte erinnern, aber so wenig epigonal wie es Belle And Sebastian waren, sind dies die Melenas. Sie sind dagegen eine wissende Band, die Nichts platt oder ehrfürchtig kopiert oder zitiert, dagegen Vieles sondiert und verifiziert. Wenn man bei den Melenas etwas vermisst, dann lediglich, dass sich auch einmal ein Quäntchen Expression und Explosion in einen der Songs verirrte. Denn mit den ekstatischen Ausbrüchen der Doors haben die Melenas nun nichts gemein, auch wenn „Dias Raros“ entfernt an den Titel des Doors-Albums „Strange Days“ erinnert. Auf „Dias Raros“ wollen die Melenas aber nicht alles können und zeigen. Sie bleiben innerhalb ihrer Möglichkeitsgrenzen und gerade das macht das Album rund und gelungen und spiegelt ganz nebenbei aktuelle Seelen- und Daseinszustände abseits jeglicher Geschwätzigkeit – auch ohne Spanisch-Kenntnisse.

Jörg Gruneberg

Melenas – Dias Raros, Trouble In Mind Records 2020

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