Erfolg ist Verrat

Text: | Ressort: Literatur | 30. September 2020

Boxen, kiffen, rappen. Auf diese Formel könnte man den Debütroman „Aus der Deckung“ von David Lopez zusammenfassen. Doch sie würde viel zu kurz greifen, wie wir noch sehen werden. Als das Buch 2017 im Original in Frankreich erschien, lobten es alle überregionalen Zeitungen und Zeitschriften. Zudem wurde es u.a. mit dem renommierten Prix du Livre Inter 2018 ausgezeichnet.

Protagonist und Ich-Erzähler Jonas, um die zwanzig Jahre alt, hängt mit seinen Freunden ab. Sie kiffen, spielen Karten, labern, rappen. Drei von ihnen dealen. Sie leben in einer Kleinhaussiedlung einer Kleinstadt am Rande einer Metropole: „zwischen Speckgürtel und Acker“. Zudem eint die meisten das Boxen. Ähnlich wie im Film „Rocky I“, ist Jonas ein Box-Hoffnungsträger gewesen. Seinen letzten Kampf hat er krachend verloren. Schlimmer noch: Er hat keine Haltung gezeigt. Und dennoch möchte er allen zeigen, dass er es noch kann und will Revanche. Der Gegner willigt ein. Jonas trainiert dafür, ohne auf das Kiffen zu verzichten. Klappt es dennoch?

Schriftsteller Lopez, Jahrgang 1985, beschreibt exakt ein Milieu, das er gut kennt und das bisher kaum in der Literatur vorkommt. Ein Milieu, das von Prekariat und Perspektivlosigkeit geprägt und doch keine Banlieue ist. Er schildert wie diese Orte immer mehr abgehängt werden. Sein Protagonist beobachtet dazu vielsagend, „dass es im Zentrum ebenso viele Zeitarbeitsfirmen wie Bäckereien gibt“. Der in Nemours geborene Autor schildert treffend, wie Klassismus auf unterschiedlichen Ebenen funktioniert. Etwa, wenn die Männer-Clique in einem Lokal nicht willkommen ist, weil sie schlicht nicht der bourgeoisen Schicht angehört. Diese soziale Distinktion ist auch an Gesten und an der Sprache zu erkennen. In Jonas‘ Worten: „Ich beherrsche die Codes nicht, oder ich beherrsche meine zu gut.“ Anders als Schriftsteller Édouard Louis („Das Ende von Eddy“), verweist Lopez, der wie er Soziologie studiert hat, nicht nur auf strukturelle Schichten-Diskriminierung, sondern auch auf fehlendes Selbstbewusstsein und Bequemlichkeit. Etwa, wenn die Männer oft darüber sprechen, aus der Stadt wegzuziehen, und es doch nur ein frommer Wunsch bleibt. Denn das Milieu bietet Sicherheit, Schutz und jeder ist gleich „klein“. Ihr fatales Kredo: „Erfolg ist Verrat“.

Neben exzellenten Sex-Schilderungen zwischen Jonas und dessen Sexaffäre Wanda, die weder peinlich noch pornoesk wirken, ist stilistisch hervorzuheben, dass Lopez unterschiedliche Sprach-Klaviaturen virtuos beherrscht: Bei Allem, was außen geschieht, werden Soziolekte und Slang benutzt. Während Jonas‘ eigene Gedanken in der Hochsprache verfasst sind. Die Ambivalenz von Jonas‘ spiegelt sich somit in der Sprache wider. Der Text wirkt dadurch weder bemüht noch lächerlich. Sondern schlicht literarisch – ganz Lopez‘ Vorbild Louis-Ferdinand Céline („Reise ans Ende der Nacht“). Auch auf Deutsch überzeugt der Text: Sabine Müller und Holger Fock haben mit ihrer brillanten Übertragung eine adäquate Meisterleistung vollbracht.

Kurz: Ex-Boxer und Rapper David Lopez legt mit „Aus der Deckung“ ein beeindruckendes Debüt vor.

Von Angelo Algieri

David Lopez: „Aus der Deckung“, Hoffmann und Campe, Hamburg 2020. Aus dem Französischen von Sabine Müller und Holger Fock. 256 Seiten. 24 €. ISBN: 978-3-455-00824-1.

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