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	<title>: Persona Non Grata : : : &#187; Literatur</title>
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		<title>Zwangsläufig nicht der korrekte Historiker &#8211; Ein Nachruf auf Martin Büsser</title>
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		<pubDate>Thu, 07 Oct 2010 18:57:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Joerg</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[B]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>

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		<description><![CDATA[Laut einer Meldung des Verbrecher-Verlags, starb Martin Büsser am Donnerstag, dem 23. September, im Alter von zweiundvierzig Jahren, an den Folgen einer Krebserkrankung in Mainz.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.persona-non-grata.de/wp-content/uploads/Autorenfoto_Martin_Buesser.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-2288" title="martin büsser (1968-2010)" src="http://www.persona-non-grata.de/wp-content/uploads/Autorenfoto_Martin_Buesser.jpg" alt="" width="500" height="375" /></a></p>
<p><a href="http://www.persona-non-grata.de/wp-content/uploads/Autorenfoto_Martin_Buesser.jpg"></a>Laut einer Meldung des Verbrecher-Verlags, starb Martin Büsser am Donnerstag, dem 23. September, im Alter von zweiundvierzig Jahren, an den Folgen einer Krebserkrankung in Mainz.</p>
<p>Martin Büsser begründete den Mainzer Ventil Verlag mit, war Herausgeber von testcard &#8211; Beiträge zur Popgeschichte und ist uns als einer der wenigen bewusst links auftretenden Journalisten, vor allem aus Veröffentlichungen in  Blättern wie konkret, Jungleworld, junge Welt, Süddeutsche Zeitung, WoZ, Intro, oder auch Jazzthetik und Emma, bekannt.</p>
<p>Aus seinen Veröffentlichungen schien immer ein allzeit  wachsamer, interessierter, vielseitiger und &#8211; was eine seltene Gabe ist &#8211; nie vergrätzter oder zynischer Kommentator der Musikszene zu sprechen. Von ihm hörte man nie Schwachsinn oder hohle Phrasen. Egal wie kurz seine Beträge zum Teil auch sein mochten, oberflächlich, hingerotzt wirkten sie nie.</p>
<p>Seine Artikel waren oftmals top, meistens gut und lesenswert, weil politisch/gesellschaftlich relevant.  Zum überwiegenden Teil waren sie geeignet Diskussionen anzuregen und Meinungen anzustacheln. Und so musste das auch sein, damit wir Kollegen uns reiben konnten, uns ebenso anstrengen mochten. Genausogut zu recherchieren versuchten, bevor wir etwas etwas Aussagekräftiges zu äussern trachteten. Aspekte und Phänomene, zwischen Kulturpolitik und dem ganz normal-wahnsinnigen gesellschaftlichen Leben, fand Martin Büsser scheinbar müheloser und zahlreicher als viele andere. Und er achtete wohl auch darauf so genau als möglich zu prüfen und einzuordnen.</p>
<p>Auch leibhaftig, als umtriebiger Diskussionsteilnehmer und Vortragsreisender, ist er uns gut in Erinnerung. Auf Veranstaltungen  lies er beim Auditorium selten Langeweile aufkommen und sorgte durchaus für kontroverse Diskussionen, wie mir mein eigener Bericht von 2006 aus dem HAU/Berlin im Nachhinein noch beweist:</p>
<p>&#8220;DRAWING. Büsser, der früher schon sagte, daß – „einerseits vom Punk und von Veteranen der ,Schräg&#8217;-Musik wie Jad Fair und Daniel Johnston her kommend&#8221; – Antifolk zugleich auch „all das aus den Sixties&#8221; wieder belebe, „was den Musikern erhaltenswert erscheint: Bob Dylan beispielsweise, Leonard Cohen und Allen Ginsberg, aber auch die von Adam Green und Jeffrey Lewis heißgeliebten Grateful Dead&#8221;, wirkt bei der Lesung etwas steril und linkisch. RESEARCH. Sein Interesse an Musik, Details und Anekdoten stattet ihn aber mit einer lebendigen Schalkhaftigkeit aus, der viele Zuhörer – circa 150 sind gekommen – sich nicht entziehen können. So kommt es durchaus zu gelegentlichem Schmunzeln und Szenenapplaus. ARTISTIC. Büssers Formulierungen sind stimmig gesetzt und scheinen in sich schlüssig. MATERIAL. Etwas skeptisch sollte man dennoch gegenüber einem Autor bleiben, der prophezeit, bei Antifolk handele es sich „um nichts geringeres als die Rückkehr von Love and Peace aus der Erfahrung von Punk&#8221;. PRESENTATION. Ich kann&#8217;s nicht recht glauben, daß es hier um eine epochale Bewegung in den Dimensionen von Beat, Punk oder auch (nur) Grunge geht. PREVIOUS WORKS. Die Szenen sind mir zu überschaubar, die Oberflächen zu glatt, der Ton zu abgeklärt. Büssers Bemerkung, es mute ja vielleicht schon etwas merkwürdig an, daß es – gerade im Vergleich zur Punkzeit – nun auch simultan zur Entstehung schon die theoretische Auseinandersetzung mit der Bewegung gebe, läßt mich schmunzeln. PUBLIC. LINKING. Selbstironie kommt gut an bei mir. Noch etwas beschworene Spontaneität, Gewitztheit und Energie im Raum, und ich würde den Antis beitreten. COLLABORATIVE ART PROJECT.&#8221; <a href="http://www.scheinschlag.de/archiv/2006/03_2006/texte/25.html" target="_blank">#mce_temp_url#</a></p>
<p>Ich habe einmal in einer Diskussion über ihn gesagt, dass er im Gegensatz zu anderen die Schwäche habe, Beobachtungen und Neuentdeckungen immer einen Hauch zu früh zu bewerten, ihm dies aber zu verzeihen sei, da er scheinbar einem Zwang unterliege immerzu historisch denken zu müssen. Was ich ihm in dem obenstehenden Artikel-Ausschnitt ja dann offenbar auch einigermassen deutlich vorgeworfen hatte.</p>
<p>Doch, stelle ich heute fest, dass es vielleicht ein wenig kleinkrämerisch und affektiert rüberkommt, Martin Büsser, den Geschichtsschreiber, den Dokumentaristen, streng als Historiker anzusehen und zu kritisieren. Er, der akribisch  Ereignisse aufzeichnete und verknüpfte, war sicher nicht in erster Linie daran interessiert ewig gültige Parameter für die gesamte Musikgeschichte aufzustellen, darauf verweisen seine oft phantasievollen, nicht immer gerade bierernsten Querverweise, Anekdoten und Geschichten-Titel. Seine Berichte weisen ihn viel mehr als einen engagierten Beobachter, Nacherzähler und Aufbewahrer der Gegenwart aus. Nichts weniger muss ein guter Geschichtsschreiber tun, als  Geschehnisse, die andere zunächst als nicht zwingend erinnerungs- oder abarbeitungswürdig ansehen, aufzurollen und als Material zur Verfügung zu halten. Auch wenn das vielleicht manchmal nervt, weil es allzu leicht anachronistisch wirkt in diesen vordergründigen und datenmigrationsgesättigten Zeiten mit ihren unüberschaubar vielen Schichten. Oder besser Nischen (einer der letzten testcard-Titel lautete &#8220;Blühende Nischen&#8221;). Es ist nämlich ein nicht aufzuholender Verlust, wenn nicht mehr zeitnah innegehalten und beobachtet, nachgefragt, zurückgeblickt wird. Die interessantesten, wenn zwangsläufig auch nicht die korrektesten, Geschichtsbücher sind, nach meiner Erfahrung, die zeitgenössischen. Und gerade mit seiner Schriftenreihe testcard, die ja im Untertitel ganz bescheiden und nüchtern &#8220;Beiträge zur Popgeschichte&#8221; heisst, hat Martin Büsser jenen Missing-Link des Musikjournalismus am Leben erhalten, der von den wenigen anderen ernsthaften Musik-Magazinen leichtfertig dem Zeitgeist geopfert wurde. Geschehnisse festhalten, warmhalten, aufbereiten &#8211; je randständiger, desto wichtiger  ist das vielleicht einmal für die Nachwelt. Diese Notwendigkeit zu sehen und diese Arbeit fortzusetzen/wiederaufzunehmen mit einer Mischung aus wissenschaftlichem Ernst, Lebensfreude und echter politischer Teilnahme am Geschehen. Dies würde nicht nur Martin Büsser freuen.</p>
<p>Jörg Gruneberg</p>
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		<title>Tobias Rapp &#8211; Lost And Sound</title>
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		<pubDate>Sun, 28 Jun 2009 20:53:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jensor</dc:creator>
				<category><![CDATA[C]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>

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		<description><![CDATA[„Berlin, Techno und Easyjetset“ lautet die Unterzeile zu diesem Buch, die thematische Ausrichtung dürfte damit ziemlich klar sein.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.persona-non-grata.de/wp-content/uploads/watergate.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-1001" title="watergate" src="http://www.persona-non-grata.de/wp-content/uploads/watergate.jpg" alt="" width="425" height="292" /></a></p>
<p>„Berlin, Techno und Easyjetset“ lautet die Unterzeile zu diesem Buch, die auch auf dem Cover zu finden ist – dies soll, kann und darf nicht unterschlagen werden. Die thematische Ausrichtung dürfte damit von vornherein ziemlich klar sein, da muss man auch nicht groß herumzicken.<br />
Gleich im Vorwort hat Tobias Rapp auf ein paar Punkte hingewiesen, um Missverständnissen schnellstmöglichst aus dem Weg zu gehen. Nein, dies sei weder ein Techno-Lexikon noch ein Geschichtsbuch, macht er sofort klar und schiebt auch nach, dass man in „Lost and Sound“ nicht einmal besonders viel über Musik finden werde (was aus meiner Sicht eine ziemlich Fehleinschätzung ist, aber dazu später mehr). Vielmehr stellt sich dieses Buch als eine aktuelle Momentbildaufnahme des Hier und Jetzt dar – im konkreten Falle eine Aufnahme des Berlin zwischen – grob gesagt – den Clubs Watergate und Weekend im Sommer 2008. Auch wenn dies inzwischen schon ein paar Monate her ist und die ein oder andere Situation (siehe der Afterhour-Club Bar 25, der mittlerweile Geschichte ist) sich deutlich verändert haben dürfte, werde ich keinesfalls in den Chor der Klugscheißer einstimmen, die allein ob dieser Tatsache auf den Historisierungs-Aspekt hinweisen, nur um dem Autor eine auszuwischen. Pah, Krümelkacker, denke ich mir da zum einen. Und zum anderen, weil „Lost and Sound“ derlei Behandlung wahrlich nicht verdient hat.<br />
Ich jedenfalls habe diese 267 Seiten in einer Woche mit wachsender Begeisterung verschlungen – und mit wachsender Lust. Mit maßlos wachsender Lust, endlich mal wieder in den Club zu gehen. Und die „Vernunft regelmäßig an der Garderobe“ abzugeben, „mit Freuden“, wie es Tobias Rapp so schön formulierte. Richtig, ja, einen ziemlich großen Teil seiner Faszination zieht dieses Buch daraus, trefflich, schick und unglaublich animierend über Club-Situationen zu berichten. So schick und animierend, dass ich am liebsten gleich losgegangen wäre ins Berghain, ins Weekend, ins Watergate, in den Tresor oder ins Golden Gate. Um mir die komplette Dröhnung zu holen mit wahnsinnig lauter, intensiver Musik, mit viel zu viel Alkohol und dem ganzen Kram, der sich dann möglicherweise irgendwie ergibt. Ein wichtiger Punkt: Um dieses Buch wirklich zu verstehen und als Anregung zu lesen, musst du genau diesen Willen zum Exzess zumindest als Sehnsucht im Blut haben. Wer mit dem Gedanken, mindestens von Mitternacht bis um 9 Uhr in der Frühe in einem am besten dunklen, abgeschirmten Club hemmungslos zu feiern und dann derangiert, müffelnd und völlig berauscht den hellen Sonnenschein und das normale Tagesleben euphorisch zu empfangen wie einen Gruß aus einer anderen Welt, einfach nichts anfangen kann – nun, der wird auch mit „Lost and Sound“ nichts anfangen können und das Einzige, was er aus diesen Seiten herauslesen wird ist die Erkenntnis, dass es viel zu vielen Leuten in dieser Lasterhölle Berlin noch viel zu gut geht. Ja, auch diese Lesart ist problemlos möglich. Und für mich gibt dies der ganzen Geschichte noch einmal einen richtigen Kick: Kein Aspekt wird da zugunsten einer Beschönigung ausgeblendet; „Lost and Sound“ ist kein Techno-Reiseführer der weichgespülten Sorte, der sich windelweich um die, ähem, heißen Themen wie (durchaus auch mal anonymer) Sex und Drogen, wie Rauschzustand und Kontrollverlust, wie Montagnachmittags-Afterhour-Irrsinn und Totalabsturz herumdrückt. „Jeder weiß, dass das Nachtleben ohne sie nicht funktioniert, nie funktioniert hat und nie funktionieren wird“, schreibt Tobias Rapp einen von vielen wahren Sätzen – hier über das Thema Drogen (was man natürlich auch gerne dahingehend auslegen kann, dass hier dann auch eine Sache wie Alkohol unbedingt mit reingehört. Und Sex. Und so weiter und so fort). Clubkultur hatte noch nie etwas mit Reinheit, Keuschheit oder Selbstbeschränkung zu tun. Und unter dem Aspekt Techno/House hat sich daran nix geändert – eher im Gegenteil. Schön, dass dies mal einer in dieser gebotenen Deutlichkeit gesagt hat und sei es nur darum, sich all die Leute vom Hals zu halten, die ansonsten im Club von der für sie entsetzlichen Erkenntnis überfallen werden, dass nahezu alle Anwesenden spätestens ab 2 Uhr morgens ordentlich unter Strom stehen und ein nicht geringer Teil von ihnen den sexuellen Aspekt in der Musik ziemlich wörtlich nimmt.<br />
Das ist das eine.<br />
Das andere ist, dass Tobias Rapp (wie schon erwähnt) natürlich ziemlich geschwindelt hat als er im Vorwort festhielt: „Ob Techno, House, Electro oder Minimal – wer hofft, in diesem Buch vor allem etwas über Musik zu lesen, wird ohnehin enttäuscht werden.“ Ich für meinen Teil habe sehr viel über Musik erfahren: Über die Wirkungsweisen von elektronischer Musik beispielsweise (oder die „Wirkmächtigkeit“, ein irgendwie seltsames, faszinierendes und schönes Wort, auf das ich erstmals in diesem Buch gestoßen bin), über Produktion und Verbreitung, natürlich auch über den Zusammenhang zwischen Berlin und Techno. Gut, dies sind nun nicht gerade die klassischen Themen zwischen dieser neuen Platte und diesem heißen neuen Act/DJ/Künstler. Aber es ist ziemlich viel Know-how, um einfach einmal zu verstehen, was hinter der Faszination Feiern/Tanzen/Abstürzen außerdem noch steckt. Die zweite Seite der Medaille einer elektronischen Musik, die sich so vortrefflich zwischen Club-Glamour, Internationalität und Underground-Autarkie eingerichtet hat; die mithin ein popkulturelles Modell liefert für eine, ähem, Szene, die sich selbstständig, eigenständig und mithin durchaus auch eigenfinanziert organisiert mit allen wichtigen Komponenten: Musikern, Club- und Labelbetreibern, Plattenladeninhabern und Programmierern, Türstehern und Barfrauen/-männern, Dealern, natürlich den Konsumenten. „Lost and Sound“ schärft den Blick dafür, welche scheinbar unwesentlichen und auf den ersten Blick keinesfalls miteinander verknüpften Puzzleteile ineinander greifen müssen, um diese Situation zu ermöglichen – am konkreten Beispiel Berlin mit einer ebenso hirnrissigen wie auf ganzer Linie gescheiterten Stadtentwicklungspolitik, die diese Großstadt zielgerichtet in die Pleite führte. Und die jetzt dafür sorgt, dass man in Berlin im Vergleich zu nahezu allen anderen europäischen Großstädten mit verdammt wenig Geld über die Runden kommt. Und die via Überangebot in der Stadt gewaltige Lücken des Leerstands geschlagen hat, die via „Zwischennutzung“ (Berliner Zauberwort, über das man in diesem Buch vieles erfährt) zweckentfremdet werden können. „Lost and Sound“ berichtet über die funktionierende Feierallianz zwischen Touristen, Schwulen, Kreativen und Ossis (sprich, Ravern aus Brandenburg), die das Berliner Clubleben bis auf den heutigen Tag nachhaltig befeuern (und deshalb auch darüber, warum der Tresor einen Parkplatz hat). Darüber, wie die massiv eingebrochenen Flugpreise Techno/House/Electro/Minimal nachhaltig verändert, beeinflusst haben – mit dem Kulminationspunkt Berlin in der europäischen Mitte (warum siehe oben – billig, sage ich da nur!).<br />
Tobias Rapp hat sich für diesen zweiten Teil neben dem subjektiven Erlebnispart eine Menge Arbeit gemacht. Er hat mit vielen Leute gesprochen: Mit Ricardo Villalobos und Andrew Rasse aka Butane (tolle neue Platte übrigens!), mit Tresor-Betreiber Dimitri Hegemann und Steffen Hack vom Watergate, mit Carsten Joost von „MediaSpree versenken“, Olaf Kretschmar von der Berliner Club Commission und der ehemaligen Clubbeauftragten des Berliner Senats Tanja Mühlhaus, mit Robert Henke, den ich noch gut von Monolake kenne und der mittlerweile einer aus dem Team jener Menschen ist, die via Ableton Live die Produktion von elektronischer Musik geradezu revolutioniert haben, und Innervisions-Labelbetreiber Steffen Berkhahn aka Dixon. Und so weiter und so fort. Es sind keine reinen Interviews, die dann in diesem Buch zu finden sind – nein, diesen schnöden Weg geht Tobias Rapp dankenswerter Weise nicht. Nein, es braucht keine Bücher voller Interviews und auch keine Magazine voller Gespräche, wie diverse Zeitgenossen grob fehlmeinen. Zwei oder drei Interviews, okay – wenn sie gut gewählt sind. „Lost and Sound“ enhält genau drei Interviews und sie sind wirklich trefflich gewählt: Nicht die Stars Villalobos oder Efdemin werden abgefeiert, es ist zum einen ein ebenso interessantes wie streitbares Gespräch mit The Circus-Hostelbetreiber Andreas Becker (da könnte zumindest ich schon mal gegenhalten, dass es gar nicht so sicher ist, ob die Flugpreise sich langfristig tatsächlich auf dem niedrigen Niveau halten können, die den Techno-Easyjetset möglich machen). Und andererseits Interviews mit einer 39-Jährigen, die auf Rave hängen geblieben ist, und ihrer 20 Jahre jüngeren Tochter – ein spannendes Lernstück über Generationenkonflikte in etwas anders als gewohnt; der Widerspruch zwischen öffentlichen Club-Exzess und privaten Zurückziehen mal nicht bei Jung und Alt, sondern bei Alt und Jung. Dies ergibt Sinn. Bei allen anderen Interviews macht Rapp sich tatsächlich die Arbeit, die ich von einem Autor erwarte: Er holt das Wesentliche heraus, stellt Zitate und Ansätze in übergreifende Zusammenhänge, wagt Meinungen und Prognosen – kurz gesagt, er gibt mir als Leser dann doch einfach viel mehr in die Hand als das dann doch eher unspektakuläre Begleiten der Selbstbefriedigung: „Ach, was habe ich dem Musiker XY wieder für superintelligente und hochkarätige Fragen gestellt!“. Dabei lernt man gar nichts, spart euch lieber das Geld für Interview-Bücher und -Magazine aller Art.<br />
Kurz gesagt: „Lost and Sound“ ist ein großartiges Buch. Sehr gut und unterhaltsam geschrieben abseits von unverständlichen Insider-Sprech auf der einen und plakativen Großmaul-PR-Geschwafele (auch wenn Tobias Rapp vor allem gegen Ende hin ein wenig zur Redundanz neigt, was aber möglicherweise bei einer Musik, die ja auch auf der stetigen Wiederholung von Loops basiert, durchaus bewusst und gewollt sein kann – deshalb keine Wertung meinerseits); es ist in der Tat keine Mühe, sondern ausgeprägtes Entertainment, das Buch in einem Stück zu lesen. Es strahlt derart viel Wissen und echtes Verständnis aus, dass es eben auch dem Raver ans Herz gelegt werden kann – und es ist andererseits so offen, dass es auch all jene mitnimmt, die einfach nur neugierig sind. Es ist beeindruckend vielschichtig zwischen Popkultur, Soziologie und Stadtentwicklungspolitik (auf jeden Fall!). Und es ist auch kein Schönfeiern des Themas: Das Buch greift sehr wohl Widersprüchlichkeiten, Probleme, gar Kulturpessimismus auf (man lese dazu nur mal, was Robert Henke oder TokTok-Mitstreiter und De:Bug-Redakteur Benjamin Weiss zu den sich zunehmend gleichenden Tracks zu sagen haben, die im Zuge des Ableton Live-Siegeszuges das Internet und mithin auch die Labels überschwemmen). Da wäre das Problem des Rückgangs der Verkaufszahlen bei den Veröffentlichungen, das inzwischen auch alle Techno/House/Electro/Minimal-Labels mit voller Wucht erreicht hat. Und zugleich auch um eine Lösung dieses Problems (endlich mal Leute, die so etwas wie eine zukunftsfähige Vision  anzubieten haben): Dieser schöne Vergleich mit Modelabels, die sich ja auch Haute Couture leisten und das Geld mit den Handtaschen und der Alltagskleidung verdienen. Die Gleichung ist klar: Physischer Tonträger = image- und stilbildende Haute Couture und der DJ-Gig als Handtasche des Musikbetriebs. Ich liebe diese Idee – auch wenn sie eben nur im Kontext elektronischer Musik funktioniert, mit den zunehmend einfacher und zugänglicher werdenden Produktionsmöglichkeiten auf der einen und der Chance zum unkomplizierten Geldverdienen via Auflegen (am besten noch mit Laptop und Traktor Scratch) auf der anderen Seite. Es geht auch um ein Club-Thema, das gerne mal vernachlässigt wird, aber eben doch eine existenzielle Rolle spielt: Die Tür. Reinkommen oder nicht, das ist schließlich immer wieder die Frage. Immerhin, das Versprechen ist klar: Vor den Berliner Club-Türen sind alle gleich. Das werde ich wohl mal ausprobieren müssen – für dieses Sehnsucht-Wecken einen schönen Dank an „Lost and Sound“.<br />
PS: Ein schönes und lehrreiches Vergnügen ergab sich, als ich „Lost and Sound“ gewissermaßen im Sample-Modus quer und parallel mit dem zwar aus vollkommen anderen Gründen empfehlenswerten „Elektroschock“ von Laurent Garnier las. Diese Information möchte ich niemanden vorenthalten.<br />
(Suhrkamp)</p>
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		<title>Opak – Erfahrung hat verloren. Neue Headlines Suchen.</title>
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		<pubDate>Tue, 24 Mar 2009 20:01:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
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		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
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		<description><![CDATA[Das neue Magazin Opak ist draussen!!!]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.persona-non-grata.de/wp-content/uploads/opak_release_flyerkm36-1.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-796" title="opak_release_flyerkm36-1" src="http://www.persona-non-grata.de/wp-content/uploads/opak_release_flyerkm36-1.jpg" alt="" width="495" height="350" /></a></p>
<p>Am 26. März feierte das neue Magazin Opak die Release-Party zur ersten Ausgabe. Auf der Bühne im Berliner KMA36 standen <a href="http://www.myspace.com/olsensplace" target="_blank">Olsen and the Hurley Sea</a> und Krass + Crazy (Sinnbus).</p>
<p>Die Redakteure sind zu einem erheblichen Teil Ex-, Zwischendurchmal- und Immernoch-Persona non Grata. Und mit dem <a href="http://www.opak-magazin.de/?page_id=3" target="_blank">Konzept</a> konnten Autoren wie Thomas Ebermann, Ulrich Holbein, Nagel, Martin Büsser, Berthold Seliger und Iepe Rubingh überzeugt werden.</p>
<p>Das erste Heft steht unter dem Titel ZÄSUR. Gerade wurde ein erster Blick auf den Inhalt veröffentlicht.</p>
<p><a href="http://www.persona-non-grata.de/wp-content/uploads/opak_533.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-797" title="opak_533" src="http://www.persona-non-grata.de/wp-content/uploads/opak_533.jpg" alt="" width="500" height="169" /></a></p>
<p>Und obwohl wir natürlich wissen, was sonst noch geht, wollen wir nicht vorgreifen und verweisen auf den Blog des Magazins: <a href="http://www.opak-magazin.de" target="_blank">www.opak-magazin.de</a></p>
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		<title>Allein unter 1,3 Milliarden</title>
		<link>http://www.persona-non-grata.de/2008/10/10/christian-y-schmidt-allein-unter-13-milliarden/</link>
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		<pubDate>Fri, 10 Oct 2008 13:07:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nimrod</dc:creator>
				<category><![CDATA[+]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[&#160;
<b>Nimrod an den Autor Christian Y. Schmidt. </b>
&#160;
Ein Brief aus einer anderen Perspektive.
&#160;]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-518" title="schmidt" src="http://www.persona-non-grata.de/wp-content/uploads/schmidt.jpg" alt="" width="457" height="700" /></p>
<p>Lieber Christian Y. Schmidt,<br />
seit ein paar Jahren lebst Du nun schon in China, in der Hauptstadt, in Beijing. Und Du hast festgestellt: das Land hat nicht auf Dich gewartet. Nicht auf Dich, nicht auf die vielen anderen Laowai, die Ausländer, die Dich in den Kneipen umzingeln, und schwärmen von ihren „Ideen“, mit denen sie ganz groß rauskommen, in ein paar Wochen, in ein paar Monaten, ganz sicher doch nächstes Jahr – man weiß ja Bescheid, so untereinander, die Behörden, die unzuverlässigen Partner, die unverständigen Chinesen ganz generell. Wenigstens hier beim dünnen, teuren Bier wird man verstanden – oder es wird in gegenseitiger Rücksichtnahme so getan als ob. Nichtsdestotrotz: Sie sind ein Sumpf, diese Expat-Cliquen. Mit dieser Erkenntnis zündet Deine eigene Idee. Eigentlich sind es zwei. Eine mit, eine ohne Anführungsstrichelchen.</p>
<p>Du willst entkommen, Dich auf eine Reise machen, mit rudimentären Sprachkenntnissen, immer entlang der Straße 318, die das Land wie sein Rückgrat längs auf 5386 Kilometern durchzieht, von Shanghai bis an die nepalesische Grenze, einmal quer durch, von den Kanaldörfern im Osten bis an den Mount Everest und dann noch ein Stückchen weiter. Das ist die gute Idee, dass Du mal rauskommen willst. Dass Du die sogar verkaufen kannst, als jemand, dessen „Briefe von Dlüben“ die ollen Leserbriefseiten im geilsten deutschen Kackehauer-Magazin vortrefflich ersetzen &#8230; nur noch besser. Da möchte man nicht einfach abwinken, bei Gott, bei Buddha und Laotse und Mao, der in China nun als Glitzerbild von jedem zweiten Taxifahrer-Rückspiegel als Heiland der Kraftfahrer wacht. Man möchte es nicht einfach abtun, als ein weiteres China-Reisebuch, mit welchem man neben Polo, Weiskopf und Theroux zweifellos ganze Bibliothekenwände füllen kann, ein weiterer China-Erfahrungs-Bericht, und ausgerechnet in diesem Olympia-Jahr, in dem uns das Land mit seinen ganzen Scheißproblemen und der bunten Soße, die man dort atemberaubend darüber zu kleistern versucht, doch ehrlich gesagt ganz gewaltig auf den Zeiger geht. Glücklicherweise bist Du nicht eine von diesen Arschgeigen, die uns das ganze Spektakel zwischen Abgrund und Elysium auch noch erklären wollen (wie so viele nach einer vierwöchigen Akkreditierung zum Interviewen unter Polizeischutz). Du bemühst Dich geradezu, nie zu tief unter die Oberfläche zu hacken und dann mit Erkenntnissen zu prahlen, die von einem Teil Deiner Leser sicherlich gar nicht eingeordnet und verstanden werden wollen und von anderen, dem kleineren Teil, den Besserwissern, ja doch nur belächelt werden. Sich, zum Beispiel, aus einer in diesem Kontext nur abermals unerträglichen Diskussion des Für-und-Wider im Tibetkonflikt mit der Feststellung zu winden, der Dalai Lama habe mit Ekelpaketen wie Roland Koch zu viele falsche Freunde, um noch sympathisch zu sein, das hat etwas – etwas sehr Erfrischendes.</p>
<p>Das hat sogar etwas Buddhistisches. Ich erinnere mich noch an eine Passage aus einem dieser klassischen tibetischen Texte, die ich gequält während des Studiums übersetzte und in der es hieß, so ungefähr: Siehe dich vor, mit welchen Leuten du dich umgibst, denn an ihrem Verhalten wirst auch du bemessen werden. Am Ende war das sogar aus den Niederschriften einer früheren Inkarnation Seiner Heiligkeit selbst. Aber wie dürfte ich erwarten, dass der sich daran erinnert, wenn ich mir doch selbst nicht sicher bin, dass er es war, von dem ich das vor ein paar Jahren gelesen habe. Bei den ganzen Kalenderspruch-Sammlungen unter dem Trademark Dalai Lama blickt ja auch niemand mehr durch.</p>
<p>Aber genug des Prahlens aus der Schule, Du, Christian, liegst mit Deiner Einschätzung ganz und gar nicht falsch. Das ist fast beunruhigend, ehrlich gesagt, so als hätte Dein Reisebericht hinter der immer wieder betonten bloßen Wiedergabe des Faktischen doch eine Methode. Du verstehst das Land auch nicht so recht, machst daraus keinen Hehl, und dennoch, erfrischend spontan, sympathisch mit (vorgeblicher) Einfältigkeit kokettierend, fährst Du da einmal quer durch. Und auf diesem langen Weg gelingt es Dir tatsächlich mitzureißen, die Leute, denen vieles links und rechts der Route 318 noch völlig neu, unerhört und höchst skurril anmutet, aber auch die Experten, für die die Reise entlang dieser Straße, diesem tatsächlichen Relikt, das über weite Strecken von neuen Super-Highways überholt wird, so etwas wie ein melancholisch warm getünchter trip down memory lane ist. Du, Christian Y. Schmidt, bist eigentlich ein Zeitreisender, entlang der 318 einem China auf der Spur, das längst schon nicht mehr ist, zumindest nicht offensichtlich, und dabei immer ungeniert Deinen eigenen Jungenträumen nachhängend.</p>
<p>Dabei hast Du mit „Allein unter 1,3 Milliarden“ selbst eine bezaubernde Zeitschlaufe aufgezogen, denn auch Dein Bericht ist eine Momentaufnahme eines Landes, wie es schon nicht mehr ist und dennoch ewig bleibt, und – das ist natürlich Zuspruch – wie es ohne Dich nicht gewesen wäre: so sehr Du Dich auch dagegen verwehrst, das Land einzunehmen, ausgesprochen nüchtern, mitunter gar distanziert, Dich dem Drang der Inszenierung verweigernd, selbst wenn mal gar nichts passiert, trotz der besprochenen Verbindlichkeit für Greenhorns und Besserwisser, dieses China hier in diesem Buch, es ist wirklich einzigartig und es ist Dein China.<br />
Man könnte beinahe dem aberwitzigen Rückschluss anheimfallen, wenn Du schon Dein China geschaffen hast, dann bist Du doch tatsächlich avanciert, vom lao zhongguo tong, dem großen China-Kenner, zu einem Chinesen, einem waschechten, so wie Du Dir das vor Beginn Deiner dreimonatigen Reise erhofft hast. Aber, vorsicht, das ist nur eine Idee.</p>
<p>Das ist die „Idee“, genau die, die zweite, die mit den Anführungsstricheln. Die völlig irre Vorraussetzung einer Reise, die unter diesem Gesichtspunkt zum Scheitern verurteilt war, doomed from the start bereits bevor Du verzweifelt versuchst, dem Moloch Shanghai auf die 318 zu entkommen. Jene „Idee“ ist eigentlich ein Witz – und natürlich weißt Du das selbst, aber du kommst dennoch nicht umhin, es immer wieder zu betonen: dass Du ausgezogen bist, ein echter Chinese zu werden. Dein Problem ist ja ganz nachvollziehbar: in Deutschland giltst Du unter Deinen Pappenheimern als „schon ein halber Chinese“, und du bist es leid, vor allem da doch der einzige Chinese, den die meisten von denen kennen, der Vietnamese mit seinem Nudelimbiss (neuerdings auch Sushi-Bar) an der nächsten Ecke ist. Und in China bist du der lustige Laowai mit Glatze (Glatze = lustig), auf den man ungeniert mit dem Finger zeigt und dem man bei jeder Gelegenheit ein völlig schräg betontes „Hello!“ hinterher schmettert – die Einheimische an Deiner Seite und die paar Brocken Chinesisch, die Du gelernt hast, haben daran nichts geändert – im Gegenteil. Wenn Du von Chinesen noch nicht gefragt wurdest, ob man Dir mal über Deinen Bauchansatz streicheln dürfe – keine Sorge, das kommt schon noch!</p>
<p>Du fühlst Dich alleine unter 1,3 Milliarden (oder sind es nicht doch eher 5 Milliarden?), und es klingt schon etwas Verzweiflung an in Deiner „Idee“, die Dich auf diese Reise trieb. Hier eine gute und eine schlechte Nachricht; die schlechte zuerst. Du bist ein Laowai und du wirst es bleiben. Du hast keine Chance gegen ein Prinzip, das trotz der emsigen Bemühungen in den ersten Jahrzehnten nach Gründung der Volksrepublik, trotz äußerster Brutalität, Umerziehungslagern und beständiger Gehirnwäsche in seiner die chinesische Gesellschaft prägenden Intensität wahrscheinlich unausrottbar ist. Frei nach dem zickenbärtigen Philosophen, dem es von seinem fleißigen Schülern dereinst zugeschrieben wurde, könnte man eine grundlegende Doktrin des Konfuzianismus, von dem hier natürlich die Rede ist, wie folgt zusammenfassen: Der Herrscher sei wie ein Herrscher. Der Vater sei wie ein Vater. Sohn wie ein Sohn. Und Du Laowai, sei gefälligst wie ein Laowai!</p>
<p>Lass mich Dir zweierlei vergewissern: die gleichen Leute, die im Augenblick Deine Fortschritte mit der chinesischen Sprache so vollmundig loben, werden die ersten sein, die Dir jeden klitzekleinen Fehler unter die lange Nase reiben, sobald Du Dich eines relativ flüssigen Umgangs mit der Sprache befähigt glaubst. Oder bildlicher; sie werden Dir wonniglich auf den Fuß treten, den Du glaubtest bei ihnen in der Tür zu haben. Lass mich Dir aber auch vergewissern (und das ist hoffentlich die gute Nachricht): Du bist als erklärter Ex-Maoist, so wie Du auf Deiner Reise entlang der 318 bis zuletzt, in Nepal wohlgemerkt, auch danach suchst, was Dich als Jungen an China und seiner Gesellschaft so fasziniert hat, unter den 1,3 Milliarden ganz und gar nicht so allein. Ich kenne da eine ganze Reihe von Ex-Maoisten, die gar vor ein paar Jahrzehnten schon nach China kamen, und die sich nun in einer Gesellschaft, in welcher der Historische Materialismus endgültig vorgeführt wird, bestimmt nicht mit Gewissensbissen plagen, sondern sich prächtig arrangiert haben: mit Eigentumsvilla in einer Gated Community, Putzfrauen, einem Koch und zwei Ammen für die Gören. Die denken nicht daran, jemals wieder auszukehren. Nach Deutschland, etwa? Wohlstands- und Neiddebatten, my arse, denken die sich. Dann doch lieber Laowai for life, erklären sie sich zufrieden. Ich frag mich nur, bevor ich Dir die Kontakte rummaile, ob Du diese Leute nicht vielleicht schon kennst, und Dich dennoch noch immer allein unter den 1,3 Milliarden fühlst.</p>
<p>Herzlichst<br />
Dein Nimrod</p>
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		<title>Paldiski (2) &#8211; Im Nebel, Barmherzigkeit</title>
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		<pubDate>Wed, 17 Sep 2008 06:39:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nimrod</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Diary]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Nebel hat auch sein Gutes, stellt sie fest.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.persona-non-grata.de/wp-content/uploads/p21.jpg" alt="" title="p21" width="605" height="404" class="alignnone size-full wp-image-488" /></p>
<p>Der Nebel hat auch sein Gutes, stellt sie fest, und ihre Stimme, die diese Worte ganz dünn, kaum hörbar, über ihre Lippen zittern lässt, widerlegt sie augenblicklich. Sie kämpft dennoch weiter, auf ihrem bereits verlorenen Posten: So ein Nebel muss das Leben in Paldiski für eine Weile etwas erträglicher machen, beharrt sie. Die letzten Russen dort müssen sich nicht mehr in die mürrischen Gesichter sehen, sie müssen sich nicht grämen, wenn sie vorbei laufen, an leeren Sockeln, von denen Denkmäler für die Sowjetarmee gerissen wurden, und sie vergessen vielleicht für einen Tag die für immer unverputzten Fassaden der Wohnblöcke, in die sie sich nach der Arbeit verkriechen – wenn sie Arbeit haben.</p>
<p>Es sieht hier auch nicht viel schlimmer aus, als in einem ostdeutschen Neubaughetto, versteife ich mich auf die Meinung, die ich bereits vor ein paar Stunden bekundet hatte. Als wir vom Bahnhof durch die Stadt gekommen waren, hatte ich mich geweigert, jede aufgesprungene Häuserwand zu fotografieren, auf die sie mich aufmerksam machte. Paldiski hat Klippen und einen Leuchturm und ein verseuchtes Armeelager, für den, der sowas braucht. Neubrandenburg und Schwedt haben das wahrscheinlich nicht, stelle ich fest – abschließend, wie ich meine.</p>
<p>Paldiski hatte einen Leuchturm, korrigiert sie mich: hatte – das war bevor der Nebel kam. Was zu beweisen war: im Nebel ist nichts Gutes, bestehe ich auf mein letztes Wort, aber natürlich bin ich gegen sie ohne Chance. In den Momenten, in denen ihr die Stimme ganz versagt, lauschen wir unseren langsamen, vorsichtigen Schritten, auf einem unendlich langen Weg, einem ununununendlich langen Weg. Sie hat längst begonnen, an mir zu zweifeln.</p>
<p>„Du hast gesagt, sobald der Wald beginnt, wird sich der Nebel lichten“, wirft sie mir vor.<br />
Ich kann mich nicht retten. Natürlich habe ich ihr Mist erzählt. Wenn man nichts sieht, braucht man doch wenigstens ein Ziel. Sie jammert. Sie weigert sich weiterzugehen. Ich muss sie ziehen. Willkommen in der Hölle. </p>
<p>„Was ist das?“, fragt sie. Und erst als ich, selbst erschrocken, durch den Nebel schaue, in die Richtung, in die sie mit ihrem Arm deutet, fällt mir auf, dass ich sie wieder sehen kann. Im Nebel, in der Richtung, in die sie mit ihren wie steif gefrorenen Fingern deutet, sehe ich nichts.<br />
„Doch, doch &#8230; da war was“, beschwört sie mich: „da war ein komischer, großer Schatten“.<br />
Ich ziehe sie in diese Richtung. Nicht weil ich noch Lust auf Abenteuer habe. Das ist nur leider der Weg, den wir gehen müssen. Der Nebel hat sich endlich satt gefressen, und nach und nach rülpst er wieder sanfte Konturen und scheidet gar am Straßenrand ein paar krumme Bäume aus.</p>
<p>„Da ist es wieder, da ist es wieder.“</p>
<p>Sie reißt mir fast den Arm aus. Aber tatsächlich, jetzt sehe ich es auch. Es sieht aus wie ein riesiges Tier, riesig, mit einem Rüssel oder einem dicken Horn. Sie will nicht weiter gehen, sagt sie. Ich will auch nicht weiter gehen. Ich soll was machen, sagt sie. Ich will auch nichts machen. Wir stehen da und starren, starren auf den Schatten, der sich uns langsam, mit instinktiver Gelassenheit, nähert. Wir starren, als sich der Schatten teilt. In zwei Schatten. In drei Schatten. Wir starren, als wir zwei Frauen erkennen, die ein riesiges Fernglas auf einem Stativ vor sich hertragen. Und wir starren immer noch, als eine der Frauen „Hallo!“ sagt und die andere fragt, ob wir bis in die Stadt mitfahren wollen, in ihrem Auto, das hier irgendwo stehen muss.<br />
Wir suchen gemeinsam. Der Nebel macht es uns immer leichter. Paldiski ist bekannt für die Artenvielfalt unter den Vögeln, die man an den Klippen beobachten kann, deutet die Fahrerin unsere Blicke auf ihr Fernglas. Davon abgesehen, stellt sie fest, ist Paldiski aber ein seltsamer Ort für Touristen. Oder ein Ort für seltsame Touristen, kann ich mir nicht helfen. Das ist schon zwanghaft, dieses Klugscheißen.</p>
<p><img src="http://www.persona-non-grata.de/wp-content/uploads/p3.jpg" alt="" title="p3" width="605" height="404" class="alignnone size-full wp-image-487" /><br />
-<br />
Musik dazu:<br />
<a href=" http://www.myspace.com/processionofblackdoom">Unholy &#8211; „From the Shadows“</a></p>
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		<title>Paldiski &#8211; The Wald Is Gone</title>
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		<pubDate>Mon, 15 Sep 2008 10:30:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nimrod</dc:creator>
				<category><![CDATA[D]]></category>
		<category><![CDATA[Diary]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[Gespenstisch schön war der Anblick aus der Distanz. 
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			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.persona-non-grata.de/wp-content/uploads/p1.jpg" alt="" title="p1" width="605" height="404" class="alignnone size-full wp-image-483" /></p>
<p>Bis gerade eben sah alles noch gut aus. Gespenstisch schön war der Anblick aus der Distanz. Vor den steilen Klippen, unter dem strahlend blauen Himmel, über der grau und kalt gegen die Felsen schwappenden Ostsee, hing die Nebelwand, so als trennte sie wahrhaftig Himmel und Hölle. Nur langsam kroch der Nebel näher. Wir wähnten uns sicher und machten lustige Fotos. Wir lachten noch, als wir über den versiegelten Bunker kletterten. Und wir scherzten, als sie sich zum Pinkeln in das faulende Gerippe einer verfallenen Russenbaracke setzte. Ob ihr Urin wohl septische Substanzen aus dem verseuchten Boden dampfen ließ, geradewegs in sie hinein, neckte ich sie. Und sie grinste. Wir zwei – zwei Doofe, ein Gedanke. Etwas gruselig fand sie die Vorstellung dennoch. Ich auch, keine Frage. Vor ein paar Jahren hat sich ein Mann auf einer Müllkippe bei Tallinn verstrahlt, als er mit radioaktiven Abfällen in Berührung kam, die angeblich von hier, von dieser ehemaligen russischen Militärbasis, dorthin geschmuggelt worden waren. Der Mann ist krepiert. Aber man könnte hier nicht so ungestört herum wandern, wenn es lebensgefährlich wäre, zwischen dem bröckelnden Beton und dem modernden Holz, auf dem die Sowjetunion hier, in Estland, einst errichtet war, man dürfte das nicht, das stünde nicht im Reiseführer, verboten wäre das. Entlang der Straße und der Wege, die das Areal zerschneiden, wurde es nicht übertrieben mit Warnschildern. Nur auf eine alte Kasernenwand, zwischen ausgeschlagene Fenster, hat jemand „Welcome to Hell“ gesprüht. Die umgedrehten Kreuze, die diese Grüße aus der Unterwelt rahmten, ließen uns aber eher Black Metal vermuten, als schiere Verzweiflung. Eindeutiger war vielleicht der Hinweis, man betrete nun Silent Hill, auf einem Lattenzaun, gleich hinter dem restaurierten und völlig deplatziert hübschen Bahnhof aus baltischem Holz. Aber wir hatten auch über dieses Zeichen gewitzelt. Und nun, noch ein paar Kilometer im ruinierten Camp, war hinter uns Estlands größter Leuchtturm verschwunden. Nicht dass es wirklich schade um dieses recht unbeeindruckende Bauwerk war, nur verschwinden, lautlos verschluckt werden, darf auch so ein Gebäude nicht, und auch die hässlichen, mit stetem Summen rotierenden Windräder waren nicht mehr. Es steht nicht umsonst im Alten Testament und bei Gustav Schwab, der uns die Sagen des Griechischen Altertums deutsch aufbereitet hat: wenn du auch glaubst, die Hölle hinter dir gelassen zu haben, dreh dich verdammt noch mal nicht um! Dreh dich, um Gottes Willen, niemals um! Von hinten, leise und heimtückisch, war uns vom Meer der Nebel nachgekrochen, und alles was vor Augenblicken noch beeindruckend widerlich, obszön skelettisch und bucklig verwachsen aus der ruinierten Landschaft geragt hatte, war bereits in diesem maßlos gefräßigen Nichts verschwunden. Natürlich war es viel zu spät, jetzt noch zu rennen. Wir fassten uns bei den Händen. Wir sahen uns in die Augen, ein letztes Mal. Und dann war die Welt verschwunden, und wir waren verschwunden, und es ward unerträglich kalt und totenstill.</p>
<p>„Das geht vorbei“, beruhige ich sie. „Wir laufen da durch.“<br />
„Wann geht es vorbei?“, fragt ihre Stimme.<br />
Und ich sage: „Im Wald ist es vorbei. Wenn wir wieder in den Wald kommen, um den wandert der Nebel außen rum.“<br />
„Hier draußen ist nichts, was den Neben aufhalten kann“, erkläre ich ihr. Der riesige Hangr für nukleare U-Boote, der einst wie ein grausamer, dunkler Berg seinen Schatten über ganz Paldiski warf, der ist nicht mehr. Die Kasernen sind nicht mehr. Die Wachtürme sind eingerissen und die Bunker überwuchert. Und die Soldaten saufen Wodka in Berlin-Marzahn. Nichts steht hier mehr, was den Nebel hätte aufhalten können.<br />
„Wo ist der Wald?“, fragt sie noch ängstlicher.<br />
Und ich entgegne, etwas zu harsch lege ich ihr nahe, den Mund zu halten, still zu sein, so dass wir unsere Schritte hören können; denn solange wir hören, dass wir auf Asphalt laufen, müssen wir nicht zweifeln, dass wir bald schon den Wald erreichen werden.</p>
<p>Eine ihrer beeindruckendsten Eigenschaften ist es, dass sie wirklich ununterbrochen reden kann. Stundenlang. Den ganzen Tag. Mit Stolz erzählt sie häufig die Anekdote, dass ihr ihre Großmutter mal zwei Mark angeboten hat, damit sie zwei Minuten, nur zwei Minuten, den Mund hält. Sie hat das Geld genommen und zwei Minuten den Mund gehalten, exakt zwei Minuten (sie hat auf die Uhr geschaut). Es ist also nicht verwunderlich, dass sie auch in dieser völlig undurchsichtigen Situation, durch die wir uns fast orientierungslos bewegen, ihre Stimme viel beruhigender empfindet als den stumpfen, leisen Klang unserer Schritte – das einzige Zeichen, das uns versichert, dass wir noch Boden unter den Füßen haben.</p>
<p><img src="http://www.persona-non-grata.de/wp-content/uploads/p2.jpg" alt="" title="p2" width="605" height="404" class="alignnone size-full wp-image-484" /></p>
<p>-<br />
Fortsetzung morgen<br />
oder auf Papier lesen in <a href="https://shop.strato.de/epages/61029426.sf/de_DE/?ObjectPath=/Shops/61029426/Products/png_0074">Persona Non Grata 74</a>. </p>
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		<item>
		<title>Willy Vlautin &#8211; Motel Life</title>
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		<pubDate>Mon, 01 Sep 2008 19:51:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Andre</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[Artwork von Christoffer Greiß Hört auf, euch wie Verlierer zu benehmen Diese altehrwürdige Art, amerikanische Geschichten zu erzählen. So nebenbei. Die Ruhe, mit der der Spot auf eine bestimmte Zeit im Leben ausgerichtet wird, das Licht leicht gedämpft, ausgeleuchtet zwar, aber alles Grelle vermeidend. Die Schatten müssen nicht scharf sein, sie dürfen in die Wirklichkeit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.persona-non-grata.de/wp-content/uploads/motellife.jpg" alt="" width="605" height="241" class="alignnone size-full wp-image-390" /></p>
<h5>Artwork von <a href="http://www.chriskind.eu/">Christoffer Greiß</a></h5>
<p><strong>Hört auf, euch wie Verlierer zu benehmen</strong></p>
<p>Diese altehrwürdige Art, amerikanische Geschichten zu erzählen. So nebenbei. Die Ruhe, mit der der Spot auf eine bestimmte Zeit im Leben ausgerichtet wird, das Licht leicht gedämpft, ausgeleuchtet zwar, aber alles Grelle vermeidend. Die Schatten müssen nicht scharf sein, sie dürfen in die Wirklichkeit hin abfließen.</p>
<p>Das Motel Life ist Teil des Romantizismus eines luziden Amerikas, das sich uns durch unzählige Filme und Musik eingebrannt hat, die Idee eines erträglichen, weil zur Einsicht führenden White Trash Lebens zwischen den Heiligen Orten der Drifter &amp; Loser. Von dort nur eine weitere Geschichte, die nicht wahrer sein will als die Geschichten, die Ich-Erzähler Frank seinen Mitmenschen erzählt. Eine Verlierergeschichte, traurig und warmherzig, mit und ohne Verfolgungsjagden.</p>
<p>Reno im Herbst 1996. Frank und der einbeinige Jerry Lee sind Brüder. Eltern, finanzielle Sicherheit und fester Wohnsitz sind Vergangenheit. Einfache junge Männer ihrer Zeit, die sich in ihrem nomadischen Leben aus Gelegenheitsjobs, Bier und Schnaps, Willie-Nelson-Tapes weniger verlieren, als viel mehr anspruchslos darin ihre Runden ziehen, wie Kreise auf Wasser. Ihr lakonisch-tragisches Slacker-Gleichgewicht aus Gleichmut und Resignation wird durch den von Jerry Lee verschuldeten Tod eines Jungen und der anschließenden Fahrerflucht gestört. Die Vergangenheit in Form von Erinnerungen an verpasste Chancen holt sie ein, Gespenster, die sie still vergiften. Der Versuch von Wiedergutmachung, um so alles Lebensmüde zu vertreiben oder zumindest einzudämmen, scheitert und scheitert doch nicht, weil man immer noch Hoffen kann. Denn die Hoffnung ist besser als nichts, sagt Frank. Das ist nicht neu, aber, in diese ganz nebenbei erzählte Geschichte entpackt, der springende Punkt, ganz nah an uns herangeholt. Ein paar Mal erscheint die Hoffnung sogar ganz physisch, einmal als Zärtlichkeit, zwischen den Brüdern, zwischen Frank und seiner Freundin, einmal als Hund, der von Frank gerettet wird und der uns ab dann unauffällig durch die Kapitel begleitet. Und natürlich das fleischgewordene gute Gewissen des Buches, der alte Earl. Er sagt es klar und deutlich: Ihr seid keine Verlierer. Hört auf euch wie welche zu benehmen. Es ist besser zur Schule zu gehen.</p>
<p>Das verleiht der Hoffnung zumindest mehr Selbstbestimmtheit. Die Brüder haben es nicht geschafft, diesem Rat zu folgen. Ihre Hoffnungen sind zu Lethargien geworden, aus deren Lähmungen sie erst wieder erwachen müssen. Die Selbstbenachteiligung zieht sich wie ein roter Faden durch ihr junges Leben. Sie und das Pech. Und darauf hat man keinen Einfluss. Auch wenn man das nicht glauben mag. Genau deswegen kann man sein Glück versuchen. Und dann wiederum hat man etwas zu hoffen, für einige Zeit zumindest. May the Circle be unbroken.</p>
<p>Willy Vlautin: Motel Life. Berlin Verlag 2008, 208 S., geb., 17 Euro. </p>
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		</item>
		<item>
		<title>Der Ton macht das Bild</title>
		<link>http://www.persona-non-grata.de/2008/08/21/der-ton-macht-das-bild/</link>
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		<pubDate>Thu, 21 Aug 2008 19:21:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Atticus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[(Bild unter CC License) Gerüchten zufolge sollen an dieser Stelle zukünftig vermehrt Hörbücher besprochen werden. Keine ganz schlechte Idee, denkt sich der eine, Hörspiele habe ich schon als Kind gemocht. Andere behaupten, Hörbücher würden sozusagen als Literatur zum Vorbeigehen lediglich für den Markt der Nicht-Leser produziert. Abgesehen davon, dass diese Aussage natürlich falscher nicht sein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.persona-non-grata.de/wp-content/uploads/tonmachtbild.jpg" alt="" width="605" height="200" class="alignnone size-full wp-image-286" /></p>
<p>(<a href="http://www.flickr.com/photos/renrut_photography/1352393157/">Bild</a> unter <a href="http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/deed.en">CC License</a>)</p>
<p>Gerüchten zufolge sollen an dieser Stelle zukünftig vermehrt Hörbücher besprochen werden. Keine ganz schlechte Idee, denkt sich der eine, Hörspiele habe ich schon als Kind gemocht. Andere behaupten, Hörbücher würden sozusagen als Literatur zum Vorbeigehen lediglich für den Markt der Nicht-Leser produziert. </p>
<p>Abgesehen davon, dass diese Aussage natürlich falscher nicht sein könnte – es sind schließlich die Leser, die auch ganz gerne mal hören – wird das Hörbuch als eigene Kunstform kategorisch unterschätzt. Pauschalurteile zeugen von Unwissen über das Wesen des Hörbuchs, seine formatspezifischen Eigenheiten und möglichen Unterscheidungen. «Hörspiel ist wie Stummfilm, nur umgekehrt» soll Urs Widmer einmal gesagt haben. Und wenn sich der Leser jetzt fragt: „Wer um Himmels Willen ist Urs Widmer?“ stoßen wir auch schon an einen der Kerngedanken dieses Beitrages. Man muss nicht wissen wer Urs Widmer ist, um Hörbücher zu hören und sich dafür zu begeistern. Aber es kann helfen sich eine Welt zu erschließen, die die gleiche kulturelle Differenz aufweist wie Musik, Film oder Literatur. Anders gesagt: Wenn wir zwischen Speed- und Black-Metal unterscheiden können, dann sollte das Hörbuch nicht einfach Hörbuch bleiben!</p>
<p>Das überflüssige Wissen beginnt bereits, wenn man zwischen Hörspiel und Hörbuch unterscheidet. Und geht weiter mit dem Wissen, dass unterscheiden hier auch gar nicht richtig wäre. Um aufkommender Verwirrung vorzubeugen, muss eines klargestellt werden: Hörbuch ist im eigentlichen Sinne nur ein Überbegriff. Er ist zugegebenermaßen etwas irreführend, weil z.B. Hörspiel und Feature oft nichts mit Büchern zu tun haben und das Hörspiel sogar als eigene Literaturgattung gilt. Und welche ist die am weitesten verbreitete Form des Hörbuchs? Klar, die Lesung. Dabei handelt es sich um eine sprachliche Umsetzung von meist literarischen Texten. Ob nun gekürzt oder ungekürzt, wird sie von einem oder mehreren Sprechern vorgetragen. Merke: „viel hilft viel“ stimmt nicht zwangsläufig und immer! Eine weitere Form ist die inszenierte Lesung mit Effekten wie Musik und Geräuschen. Das altbekannte Hörspiel hingegen ist eine dramatisierte Hörfassung eines Textes mit verteilten Sprecherrollen. Dabei muss im eigentlichen Sinn keine Buchvorlage existieren: Das klassische Hörspiel ist eine eigens für den Rundfunk entwickelte Kunstform, die mit Elementen wie Stimmmontagen, Geräuschen, Musik, Dialogen und Erzählpassagen ein eigenständiges Werk schafft. Als letzte Unterscheidung hätten wir da noch das Feature. Im Gegensatz zum Hörspiel ist das Feature nicht fiktiv d.h. es werden Sachthemen mit Original-Tönen, Wort, Musik und Geräuschen aufbereitet. Soweit die grobe Darstellung dessen was sich hinter dem Begriff Hörbuch verbirgt. In der Differenz herrscht nicht unbedingt Einigkeit über diese Darstellung und, nein, wissen muss man das eigentlich auch nicht.</p>
<p>«Im Kino sehen alle den gleichen Film, im Hörspiel dagegen erlebt jeder seinen eigenen Film.» sagte einst Walter Adler, einer der großen deutschen Hörspiel-Regisseure. Er weist damit auf einen Zusammenhang hin, der allerdings nicht nur auf Hörspiele zutrifft. Sicherlich ist das Hörspiel die Königsdisziplin unter den Hörbüchern. Es gibt Produktionen bei denen bis zu 270 Sprecher mitwirken und die in ihrem Aufwand an Filmproduktionen erinnern. Da wird aufgebaut und beim Abriss das Mikro dran gehalten – die handgemachte Geräuschproduktion ist bisweilen eine mühsame Angelegenheit. Einige Hörspielstudios verfügen über Vorrichtungen namens „Schallschnecken“. Während der Aufnahme geht der Sprecher in die Schallschnecke hinein und heraus, wobei der akustische Eindruck entsteht, er habe gerade eine riesige Strecke zurückgelegt. All dieser Aufwand soll in den besten Fällen nur dazu führen, einen faszinierenden eigenen Film vor dem inneren Auge ablaufen sieht.<br />
Nur wenige Sprecher sind in der Lage dazu, diesen Effekt ohne Hilfsmittel, nur durch die Kraft ihrer Stimmen zu erreichen. Ich meine damit übrigens nicht unbedingt Stimmenkünstler wie Rufus Beck oder Stefan Kaminski. Sprechern wie Hans Peter Hallwachs, Christian Brückner oder Detlef Bierstedt gelingt dies zweifelsohne mit den subtilen Mitteln ihrer Erzählstimme. Gerät man an eine Lesung, in der ein guter Sprecher auf einen guten Text trifft, entsteht eine synergetische Qualität. Eine Qualität, die sich nicht entfaltet, wenn man das Buch selber liest oder den Film dazu sieht. Ist klar.</p>
<p>Einige Theoretiker und Autoren literarischer Texte sind der Ansicht, dass mit der Kultur des Hörbuchs, speziell der Lesung, die Erzählung in ihre ursprüngliche Form zurückgekehrt ist. Eine Kunstform würde wiederbelebt, die über Jahrtausende das prägende Mittel der Kommunikation und der Tradierung war: Die narrative Weitergabe von kulturellen Inhalten. Selbstverständlich gibt es Grenzen, denn es gibt durchaus Texte, sie sich nicht für Hörbücher eigenen. Außerdem ist es fraglich zu denken, Geschichte würde sich in diesem Sinne wiederholen. Über 700 Jahre Schriftsprache haben die Kultur des Erzählens völlig verändert. Und genau diese Veränderungen haben wiederum das Schreiben von Theaterstücken, Drehbüchern und eben Hörspiel-Skripten hervorgebracht. So konnte sich das Schreiben fürs Sprechen erst entwickeln.</p>
<p>Genuss hat bekanntlich nicht immer mit Wissen zu tun, und das ist auch gut so. Aber man sollte eine Ahnung davon haben, dass man beim Hören von Hörbüchern stärkere Bilder selbst erschaffen kann als jene, die von anderen auf die Leinwand produziert werden. Damit erschließt sich etwas. </p>
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		<title>Der Anti-Kanon &#8211; Roger Ebert: Your Movie Sucks</title>
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		<pubDate>Fri, 01 Aug 2008 10:00:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christian</dc:creator>
				<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[„1000 Filme, die Sie sehen sollten bevor das Leben vorbei ist!“– das Angebot auf dem Filmbuchmarkt liest sich zuweilen wie ein Werbeslogan eines beliebigen Formatradios: das Beste von gestern bis heute! Wie erfrischend ist es da, ein Buch mit dem einfachen Titel „Your Movie sucks!“ in die Hand zu bekommen, auf dessen Cover dir ein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.persona-non-grata.de/wp-content/uploads/yourmovie.jpg" alt="" width="605" height="200" class="alignnone size-full wp-image-200" /></p>
<p>„1000 Filme, die Sie sehen sollten bevor das Leben vorbei ist!“– das Angebot auf dem Filmbuchmarkt liest sich zuweilen wie ein Werbeslogan eines beliebigen Formatradios: das Beste von gestern bis heute!<br />
Wie erfrischend ist es da, ein Buch mit dem einfachen Titel „Your Movie sucks!“ in die Hand zu bekommen, auf dessen Cover dir ein grimmiger alter Mann entgegenstarrt. Wenn es sich bei jenem grimmigen Typen auch noch um Roger Ebert, den großen alten Mann der amerikanischen Filmkritik handelt, darf man Großes erwarten. Ebert, der 1975 als erster Filmkritiker überhaupt mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, arbeitet nun schon seit vier Jahrzehnten als Rezensent. Das Schöne an ihm ist, dass er weder Verrisse der Verrisse wegen schreibt noch allzu berechenbar-feuilletonistisch in seinen Genre-Vorlieben ist. Er kämpft auch nach über 40 Jahren in Diensten der Chicago Sun-Times immer noch für den perfekten Film, das formvollendete Kino – und urteilt auch deshalb umso harscher Filme ab, die unter seinen Ansprüchen bleiben. Dabei bedient er nicht ausschließlich das Arthouse-Publikum, was seine eigenen Ausflüge in die Welt der Drehbuchschreiber beispielhaft zeigen: Ebert arbeitete ausgerechnet mit Russ Meyer zusammen, der unvergleichlichen Trash-Ikone der 60er und 70er, schrieb das Drehbuch zu dessen Film „Beyond The Valley Of Dolls“ und sollte ursprünglich auch das Buch für einen Sex-Pistols-Film unter Russ Meyer schreiben, der jedoch leider nie realisiert wurde. Ebert versöhnt Pop- mit Hochkultur, Trash mit Anspruch.<br />
In „Your Movie sucks“ veröffentlicht er gesammelte Rezensionen der letzten Jahre und zwar ausschließlich Kritiken über Filme, die vor seinen Augen keine Gnade fanden. Den Anti-Kanon, wenn man so will.</p>
<p>Ein schönes Beispiel wird gleich zu Beginn des Buches ausführlich dargelegt: der Fall Ebert vs. Gallo. Nach Vincent Gallos Uraufführung von „Brown Bunny“ auf dem Filmfest von Cannes nannte Ebert Gallos skandalumtosten Streifen den schlechtesten Film in der Geschichte des dortigen Wettbewerbs. Gallo, wie gewohnt keinem Streit aus dem Weg gehend, wünschte Ebert daraufhin Darmkrebs, woraufhin der tatsächlich an Krebs erkrankte Ebert nur erwiderte, dass ein Video seiner Darmspiegelung immer noch unterhaltsamer als „Brown Bunny“ wäre. Doch als Gallo ein Jahr später eine neue, um 28 Minuten geschnittene „Brown Bunny“ &#8211; Version in die amerikanischen Kinos brachte, scheute Ebert sich trotz der Vorgeschichte nicht, eine zweite, von den heftigen persönlichen Scharmützeln unbeeindruckte, positive Rezension zu schreiben – weil der nun straffer geschnittene Film Gallos Vision in einer anderen, besseren Bildsprache kommuniziere. Ebert geht es also nicht darum, die Filmkritik über den Film zu stellen, sondern um eine unvoreingenommene Betrachtung, was der Künstler aus den Möglichkeiten des Mediums macht.</p>
<p>Soviel Freude wie „Brown Bunny“ bereitet Ebert allerdings nicht jeder Regisseur, denn bei all den anderen Filmen bleibt es bei misslungenen ersten Versuchen, bei Filmen, die nicht dank vernichtender Kritik umgearbeitet werden und ihre Makel zu beseitigen versuchen &#8211; was uns aber wiederum das Vergnügen schenkt, Eberts Aburteilungen wie diese nun in gesammelter Form wieder zu lesen: „There is a neat scene here where Zorro and his horse race a train, and then the horse leaps from a trestle and lands on top of the train. That Zorro thinks a horse would do this shows that Zorro does not know much about horses as he should. For that matter, the horse itself is surprisingly uninformed. It must have had the mumps the week the other horses studied about never jumping blind from a high place onto something that, assuming it is there, will be going 40 mph.”</p>
<p>(Roger Ebert: Your Movie Sucks. Andrews &amp; Mcmeel 2007, 338 S., Tb, 11,99 Euro.)</p>
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		<title>Ricarda Junge. Keine Gewöhnung und kein Gewohntes</title>
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		<pubDate>Thu, 31 Jul 2008 20:13:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kotsche</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literatur]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-132" src="http://www.persona-non-grata.de/wp-content/uploads/ricardajungegeschichte.jpg" alt="Eine schöne Geschichte" width="605" height="200" /></p>
<p>Mit dem Begriff Situationismus wird heute in erster Linie der französische Künstler und Autor Guy Debord assoziiert. 1967 beschrieb er in seinem Hauptwerk „Die Gesellschaft des Spektakels“ die moderne Stadt und ihre Umgestaltung zur Bühne des Kapitals. Die Menschen seien zu passiven Zuschauern dieses großen Theaters geworden und die Stadt verselbständige sich immer mehr. „Eine schöne Geschichte“, der dritte Roman der 1979 geborenen Autorin Ricarda Junge, spielt in einer Stadt, die sich permanent verändert. Unnachvollziehbar verschwinden Gebäude, Cafés wechseln ihren Standort und ständig gehen allerorten Dinge verloren. Niemand scheint das Durcheinander zu kontrollieren, geschweige denn sich in diesem Irrgarten orientieren zu können. Die öffentliche Geographie verschwimmt und wird zu einem Schauplatz des Selbstverlusts. Dieser Hintergrund ließe sich durchaus als grotesk zugespitzte Übersetzung situationistischer Theorie ins Erzählerische bewerten. Keine Frage.</p>
<p>Tatsächlich ist diese Geschichte jedoch komplexer, sie ist surrealer und mystischer gelagert. „Man muss sich daran gewöhnen, dass es hier keine Gewöhnung und kein Gewohntes gibt“, denkt sich die todkranke Protagonistin Marie Landski auf einem ihrer täglichen Irrwege durch das Labyrinth eines endzeitlich anmutenden Berlins. Sie arbeitet in einem Hotel, das männlichen Besuchern verschlossen bleibt, quartiert diese aber im dunklen Keller des Gebäudes ein. Stammgäste wie „Blauauge“ oder „Prediger Lex“ hausen hier unter dürftigen Bedingungen, kommunizieren in Reimform, und genügen sich in ihrem skurrilen Dasein. Marie entdeckt einen Geheimgang zum „Nachtasyl“, einer Notunterkunft für gescheiterte Existenzen, in der ihre Freundin Constanze arbeitet. Unerkannt wird sie Zeugin eines absurden Schauspiels – Constanze deckt den Tisch für Unsichtbare – und die vertraute Wirklichkeit gerät gänzlich aus den Fugen. Neben Gegenständen und Haustieren verschwinden auch Menschen, wie Maries Mitbewohnerin oder ihre Chefin zunächst spurlos. Daran vermag auch Maries Freund und Pfleger Peter, ein zum Alltagsphilosophieren neigender Student und Filmemacher, nichts zu ändern. Er dokumentiert die Entwicklungen der Stadt, um herauszufinden, was genau vor sich geht. Ob seine Bemühungen von Erfolg gekrönt sind, darüber lässt uns Ricarda Junge in Ungewissheit.</p>
<p>Ebenso darüber, wie diese Geschichte eigentlich verstanden werden soll. Die situationistische Lesart würde sicherlich Teilaspekte betreffen, tatsächlich stellt sich Ricarda Junge aber jeder Eindeutigkeit in den Weg. Was wäre beispielsweise, wenn all die recht oberflächlich angelegten Figuren sich ihre Umgebung nur zurechtphantasierten? Gerade im letzten Drittel, wenn die Geschichte auseinander bricht, kann man sich des Eindrucks kaum erwehren, die Autorin habe lediglich sämtliche negativen Elemente des Großstadtlebens zu der Erfahrung einer kollektiven Psychose verdichtet. „Was ist, wenn mit uns etwas nicht stimmt?“, fragt Peter und zieht in Betracht, dass ihre Wahrnehmung krankhaft verzerrt sein könnte. Dass sie alles mit zuviel Tempo sehen, als eine Art Hyperrealität vielleicht. Klar, wenn alle spinnen, dann ist es am Ende auch wieder egal! Oder sollte dieses „Land der letzten Dinge“ doch eher als Mahnung verstanden werden? Vor dem Ausnahmezustand, der alle Bezugsmuster kollabieren lässt? Wir wissen es nicht. Mögen einige Passagen auch allzu bedeutungsschwanger geraten sein. Und mag Ricarda Junge darüber hinaus mit diesem Versuch einer Melange aus Lovestory, Groteske, Gesellschaftskritik und Sci-Fi reichlich hoch geschossen haben, so besticht dieser Roman vor allem durch seine Offenheit. Insbesondere angesichts der vielen schönen Geschichten da draußen, mitsamt ihrer Stringenz und lahmen Logik, sollte man diese Verwirrung schätzen. Unter der Herrschaft von Fakten, Fakten, Fakten ist sie eine Ressource. Allemal. Der Roman glänzt kein bisschen mit Antworten, als einzige unaufgelöste Metapher überstrahlt er alles mit Fragen.</p>
<p>(Ricarda Junge: Eine schöne Geschichte. S. Fischer 2008, 256 S., geb., 17,90 Euro.)</p>
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