Eindeutigkeiten

Text: | Ressort: Musik | 19. April 2010

Es gibt Platten, die sollte man einfach mal gehört haben. Zumindest wenn man eine Eigenwahrnehmung eines Menschen hat, der sich im weitesten Sinne dem Hören von Popmusik verschrieben hat. Und der einen hohen Spaß daran findet, in diesem Segment jene Song-, Sound-, Ästhetik-Entwürfe zu entdecken, die eigentlich jenseits des Etiketts „populär“ gehandelt werden und sich eher den Prinzipien des Außergewöhnlichen und Eigenständigen bis hart ran an die Grenzen zur Eigenbrötlerei verpflichtet fühlen. Eine solche Platte hat Sumach Valentine aka Gonjasufi gemacht – „A Sufi And A Killer“ (aufgenommen mit William Benjamin Bensussen aka The Gaslamp Killer, mit dem man sich unbedingt weiter beschäftigen sollte, sowie Jon Ancheta aka Mainframe und Steven Ellison aka Flying Lotus) sollte man unbedingt einmal gehört haben, empfehle ich dringend. Ich rede da jetzt nicht davon, dass man diesen Stoff dann auf der Stelle gleich gut finden muss – nein, es gibt schon ein paar, ach was, ganz viele Punkte, an denen man sich reiben kann. Stören kann. Die einem durchaus auch auf die Nerven gehen können. Nur fehlt einem denn doch etwas, wenn man es nicht wenigstens mal versucht hat mit „A Sufi And A Killer“.

Dafür geht Sumach Valentine den ganz direkten, den vollkommen schnörkellosen Weg. Unumwunden. Kein Kokettieren mit dem Prinzip Anderssein. Gonjasufi geht voll und ganz im Anderssein auf. Dieses Anderssein ist für ihn Normalität – was der Platte enorm gut tut, weil es keinen Hauch gibt von eben jenem distanzierenden Augenzwinkern, von selbstironischen Sub-Kontext und so weiter und so fort. Naja, so von diesem ganzen Kanon halt, der von Popmusik mittlerweile eingefordert wird, mit dem ausgekochte Geschäftsfrauen der Bauart Lady Gaga auf gewinn- und ruhmesträchtige Art und Weise zu jonglieren verstehen und dessen Wertig- und Wichtigkeit zumindest diskussionsbedürftig erscheint. Eine Person wie Sumach Valentine passt da selbstredend überhaupt nicht rein mit diesem Background. Nicht mit diesem klassischen Absturz in der Hinterhand, der ihn aus den berühmten „geordneten Verhältnissen“ (erzähle ich jetzt nochmal die Story vom Vater, der Botaniker …, nein, mache ich nicht) hinab in die nicht minder legendäre „Gosse“ stürzte. Inklusive Drogen und Obdachlosigkeit, das volle Programm. Das, was einem passieren kann, wenn man in der Musik und dem ganzen Drumherum mit permanenten Rauschzustand hängenbleiben kann (auch wenn es bei mir „nur“ der Suff war und die Sache mit der, ähem, bürgerlichen Existenz bei weitem nicht so auf der Kippe stand). Die anschließende spirituelle Wiedererweckung via Sufismus in der islamischen Ausprägung – wobei die Betonung auf dem Wort „spirituell“ liegen muss, definieren sich Sufis doch intensiv als Mystiker. Der Weg zum Yoga-Lehrer. Und das nicht gerade geringe (spirituelle) Sendungsbewußtsein, das mit dieser Kombination Sufi/Yogi nun tatsächlich einmal einhergeht – und zwar ohne Netz und popkulturellen doppelten Boden. Gonjasufi meint das, was er tut und sagt, ohne einen winzigen Funken Ironie absolut ernst.

Den direkten, geraden Weg geht „A Sufi And A Killer“ aber nicht nur in, nun ja, spiritueller Hinsicht, sondern eben auch in musikalischer. Dies ist so offensichtlich und eindeutig „anders“, dass man beinahe schon wieder misstrauisch werden könnte. Oder zumindest ernsthaft darüber nachdenkt, warum dies nicht so viel mehr Leute machen, wenn es denn doch derart vernehmlich und unüberhörbar zu realisieren ist. Vielleicht, weil das Offensichtliche eben doch nicht so einfach ist (wieder einmal). Weil es eben doch nicht so locker von der Hand geht, eine Produktion aufzufahren, die sich einen feuchten Kehrricht um „aktuelle Sound-Standards“ schert. Um oft strapazierte Trademarks wie klangliche Transparenz beispielsweise. Es ist eine Produktion, die – ach, sprechen wir es doch endlich einmal aus, das Wort, um das ich die ganze Zeit herumeiere – mit allem Nachdruck und aller Eindeutigkeit klarstellt, dass es hier um Kategorien wie „verspult“ geht. „Durchgeknallt“ wäre auch noch so eine oder „abgedreht“. Diese ganzen Synonyme, gern (oder aber eher nicht mehr so gerne, weil sie sich offenbar nicht mehr so unschuldig anfassen – ich weiß auch nicht, warum dies so ist) gebraucht in der Beschreibung einer Nicht-Normalität, die sich aus einer durchaus ausgeprägten und vor allem wahrnehmbaren Realitätsferne ausdrückt. An so einer Stelle werden dann gerne Drogen ins Spiel gebracht – nun, ich will nicht verhehlen, dass „A Sufi And A Killer“ gewisse Assoziationen aufmacht in eine Richtung, die man in Zeiten klarer Worte gerne als „Kiffermugge“ bezeichnet hat. Die Jungs mit dem Spliff – wobei man ja der Fairness halber mal festhalten muss, dass zwischen dem drogenimplizierten Realitätsverlust und der entsprechenden Abkopplung via spiritueller Techniken auf den ersten Blick (bzw. ersten Hör) nicht gar so große Unterschiede festzustellen sind. Und bei einem Sufi/Yogi kann man schon davon ausgehen, dass letztere Techniken im Repertoire zu finden sind.

Dies alles gilt erst recht, wenn man sich über diesen ersten Trademark der gewollt unpräzisen Produktion hinaus mal in diesen Klangkosmos hinein versenkt. Sich auf diese diese Achterbahnfahrt zwischen weltumarmender Hippie-Attitude, alternativsten HipHop-Beat-Verständnis und wohl präparierten musikalischen Verständnis bzw. Background einlässt. Diese Herren hier haben ihre Lektion aber so etwas gelernt: Psychedelic und Garagenrock (oh, wenn da auf einmal dieses Fass namens „Suzie Q“ aufgemacht wird, was für eine Freude, was für ein Genuss!), der Orient darf natürlich auch nicht fehlen, ebenso wenig wie das Harmonieverständnis der Beach Boys und selbstredend der Dub, der Reggae, der Blues, der Soul, naja, dieser ganze Kanon der musikalischen Basics. Dargeboten in einer bemerkenswert offensichtlichen Form: Gonjasufi kommt nicht einmal ansatzweise auf den – aus seiner Sicht und Logik natürlich! – hirnrissigen Gedanken, hier irgendetwas codiert, versteckt, verklauseliert oder doppeldeutig zu servieren. Alles klar definierbar, identifizierbar, klassifizierbar. Wie schon gesagt: Kein Netz oder doppelter Boden. Eindeutigkeit rules okay – was einen Gutteil der Faszination von „A Sufi And A Killer“ ausmachen dürfte. Hier fühlt sich jeder, der sich auch nur ein klitzekleines bißchen mit Musik beschäftigt, exzellent aufgehoben (ausgenommen vielleicht mal beinharte Black Metaller oder nicht minder dogmatische Hardcore-Techno-Heads). Nimmt man einmal die Rezeptionen zur Hand, könnte man beinahe schon von einer Konsensplatte sprechen (diese zu finden, ist nun wahrlich nicht so schwer, als dass ich hier großartig verlinken müsste; einfach mal mit den auf der Hand liegenden Schlagworten das Netz durchforsten). Ach was, beinahe – dies hier IST eine Konsensplatte.

So sehr eine Konsensplatte, dass ich der hier und da geäußerten Vermutung, dies könne keinesfalls mit einem gewissen kommerziellen Erfolg einhergehen, denn doch sanft wiedersprechen möchte. Darauf können sich viel zu viele einigen: Die Psychedelic-Heads aller Nationen ebenso wie die alten und neuen Hippies, die open minded-HipHop-Freaks ebenso wie die schon erwähnten Jungs (und Mädels natürlich) mit dem Spliff, Naturliebhaber und Orient- bzw. Bollywood-Fanatiker, Anti- und Gegen-Modernisten – und so weiter und so fort. Mal ganz abgesehen von den unzähligen Menschen, die in sich ein Bedürfnis nach spirituellen Gedanken und Ansätzen brennen fühlen und dabei weit genug vom klassischen Bild des Christentums entfernt sind (und davon gibt es wahrlich nicht wenige!). Die werden sich alle in „A Sufi And A Killer“ irgendwie wiederfinden. In dieser eindeutigen, klaren, schnörkellosen, meinethalben auch ehrlichen Attitude, die da auch noch via Warp Records vernehmlich, wahrnehmbar und breitenwirksam gestreut wird (man sollte die Tatsache, dass sich ein Label – erst recht, wenn es sich um ein dergestalt renommiertes Label handelt – allen Unkenrufen zum Trotz nach wie vor als gewichtiger Multiplikator, als entscheidender Faktor erweisen kann, einfach mal nicht unterschätzen). In diesem Gegenentwurf zu einer Popmusik, die mittels gnadenloser Übercodierung die musikalische Banalität und Eindimensionalität zu übertünchen gedenkt – wie es eben mit aus meiner Sicht zweifelhaften Erfolg eine Frau namens Stefani Joanne Angelina Germanotta aka Lady Gaga tut (nicht ohne Grund redete man einst im Spex über Mode und nicht über Songs, die einem genau genommen zu NuRave-Hype-Zeiten schon irgendwie peinlich gewesen wären). Der Nöler (und wie der nölt! Die Zeit-Rezensent Jan Kühnemund verglich das Ganze mit dem Genöle aus dem Hause Oasis, ein ziemlich amüsanter Vergleich, wie ich finde – http://blog.zeit.de/tontraeger/2010/03/29/gonjasufi_5078) aus der Wüste als neuer Pop-Heilsbringer? Es ist zu bezweifeln, dass sich Sumach Valentine bei allem Sendungsbewusstsein tatsächlich als solcher sieht. Was nichts daran ändert, dass seine Musik unterm Strich als eben solches Heilsversprechen funktioniert. So etwas kann einem auch auf den Wecker gehen. Zweifellos. Aber womit wir wieder beim Ausgangspunkt wären: Dafür muss man das Ganze erst einmal gehört haben. Drüber reden ist das eine, die eigene Beschäftigung mit „A Sufi And A Killer“ das andere. Denn es gibt Platten, die sollte man einfach mal gehört haben …

„A Sufi And A Killer“ ist via Warp Records erschienen.

www.sufisays.com

www.warp.net/records/gonjasufi

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Ein Kommentar »

  1. sehe ich sehr ähnlich, tolle Platte!!
    Es lohnt sich auf jeden Fall reinzuhören, aber ich empfehle dringend, ein endgültiges Urteil erst nach dem zweiten, dritten Durchgang zu fällen. Hat man sich erstmal an den merkwürdigen Sound gewöhnt, überraschen die Tracks immer wieder mit interessanten Details.

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