Dresche beziehen – Jan Delay & Marcus Wiebusch

Text: | Ressort: Allgemein, Musik | 29. Mai 2014

Jan Eißfeldt ist jetzt Angus Jan. War zumindest einem Druckerzeugnis in diesen Tagen zu entnehmen. Ja, die Nachricht dürfte inzwischen wohl bekannt und weit verbreitet sein: Jan Delay macht jetzt in Rock. Mit „Hammer und Michel“. Nun, ich mache keinen Hehl aus der Tatsache, dass ich mit einem ausgeprägten Respekt sein Schaffen verfolgt habe – angefangen von den Beginnern, die einst einen ebenso ordentlichen wie durchaus interessanten Leserbrief-Disput mit dem Spex vom Zaun gebrochen haben (mein Gott, wie alt ist man denn eigentlich?) bis hin zur „Searching for the Jan Soul Rebels“, die bis zum heutigen Tag einen ehrenvollen Platz in der Plattensammlung hat. Hey, „Ich will nicht, dass ihr meine Lieder singt“, was für ein großartiges Statement. Ich bin auch in den Funkband-Kontext mit reingegangen, zum „Mercedes Dance“ und ich halte es nach wie vor für eine Beleidigung, dass sich ein Stück wie „Klar“ in so einem Ordnungshüter-Kabel1-Kontext wiederfindet. Ich hoffe, es bringt wenigstens hinreichend Kohle. Was mich zu einem zweiten Punkt führt, den ich an Jan Delay immer geschätzt habe – diese allgemeine Ambivalenz im Handeln und Tun. Was mir stets vor Augen geführt hat, dass es in jedem Leben Widersprüchlichkeiten gibt, Zwiespälte, Dinge, die sich eigentlich ausschließen und trotzdem nebeneinander stattfinden. Da war Jan Delay, der politische Mensch, der zum Ärgernis eines Volksmusik-Sängers, der sich auf fremder Glut seine eigene, üble Bratwurst grillte und sich dafür auch noch allumfassend feiern ließ, genau das Statement parat hatte, das dazu gesagt werden musste. Ohne Angst. Obwohl ziemlich klar war, dass eben jenes Ärgernis (mit dem dazugehörigen Management) eben dieses Statement zum passenden Zeitpunkt herauskramen würde – wie denn auch geschehen (was mich immer wieder in Harnisch bringt: Die – pardon – Doofheit der versammelten Medienwelt, die natürlich prompt über das Stöckchen gesprungen ist, das da von Heino hingehalten wurde – der selbstredend genau zu jenem Zeitpunkt ein ein Jahr altes Interview herauskramte, als der Interviewte sie anschickte, einen eigenen Coup zu landen. Nur um mal wieder aus der Bildzeitung zu gucken. Traurig, dass die ganzen Qualitätsmedien da mitgemacht haben. Nun ja, irgendein Gott hat zugesehen und beispielsweise der FAZ einen fetten Verlust reingedrückt. Allerdings fürchte ich, dass diese Signale nicht recht gedeutet werden. Aber dies nur mal als Exkurs). Und da war Jan Delay, der deutlich durchblicken ließ, dass es nun endlich mal an der Zeit wäre, etwas vom fetten Popstar-Kuchen abzubekommen (und damit eine gewisse Vorreiterrolle einnahm). Der mit zwei – sorry – aus meiner Sicht absolut überflüssigen Live-Platten einen entsprechenden Maßstab in Sachen Beutelschneiderei setzte. Ambivalenz eben. Die Widersprüchlichkeit des eigenen Tuns. Ich finde es prima, wenn man damit konfrontiert wird von einer Figur, die diese Ambivalenz in vollen Zügen lebt und ungefiltert transportiert – gewissermaßen als Spiegel dafür, dass man auch selbst jeden Tag zu eben dieser Ambivalenz gezwungen ist. Weil das Leben dann halt doch nicht so einfach ist. Weil man selbst halt doch nicht so einfach ist. Weil man im Kopf etwas gegen Massentierhaltung haben kann und trotzdem auf Rumpsteak medium rare steil geht wie blöde. Weil man die geballte Attitude des Journalistenstandes verabscheut (hier findet sich ein feiner Aufsatz zu einem aktuellen Thema) und selbst einer ist. Und so weiter und so fort.


Nun, genug schwadroniert. Dem ein oder anderen mag jetzt ohnehin nix Gutes schwanen – wenn lange über Musikfernes gesprochen wird, ist das selten ein positives Zeichen. Und ja, die Katze muss aus dem Sack: „Hammer und Michel“ macht keinen Spaß. Zumindest nicht auf der vollen Distanz. In den besseren Momenten wie dem Opener „Liebe“ erinnert das ziemlich stark an die Funkrock-Momente Udo Lindenbergs mit den hakeligen und abgehackten Stakkato-Riffs. In den weniger guten Momenten wie der „Scorpions-Ballade“ erinnert dies ebenfalls an den Meister – allerdings in seinen finstersten „Hinterm Horizont geht‘s weiter“-Phasen. Von der zunehmenden Ikonisierung einer altersbedingt immer schlimmer werdenden Hardrock-Band (denn von den 70-er Jahren ist ja nie die Rede – und „Lonesome Crow“ ist durchaus mal einen Reinhörer wert) will ich gar nicht erst anfangen – dann komme ich gleich fett in Rage. Und leider muss man die diversen Sprüche von Angus Jan, der beispielsweise eine Lanze für Dinge wie REO Speedwagon bricht, durchaus ernst nehmen – derlei Scheußlichkeiten lassen sich sehr wohl ausmachen und sie machen wie erwähnt keinen Spaß. Nein, da mag ich auch nicht lustig sein und die Freude am Trash ist meine nicht, wenn es um gute und schlechte Musik geht. Und soll ich mal ehrlich sein? Ich finde dieses – nun ja – Desaster richtig schade. Was wäre da drin gewesen! Mönsch, warum nur musste „Hammer und Michel“ mit Disco No. 1 eingespielt werden? Die das dann auch prompt so erledigten, wie man es von einer ausgebufften Funk-Band erwarten durfte – mit der blasierten, leicht gelangweilten Überheblichkeit von Muggern, die vollkommen ironiefrei kraft ihrer Wassersuppe der Ansicht ist, sie könnten mal eben allen Leuten zeigen, wo Bartel den Rock-Most holt. Und sich damit ebenso prompt auf die Schnauze legten: Dieser zutiefst armselige Rage-Against-The-Machine-Rippoff „Fick“ macht in seiner ganzen erschütternden Erbärmlichkeit klar, dass diese Band das entscheidende nicht kann – Rocken. Da rockt nix. Gar nix. Was die Platte dann endgültig zerstört. Warum nur? Warum nicht mal ein bißchen Irrsinn? Warum – wenn man denn schon einen Song über ein Metal-Festival machen muss – sucht sich Angus Jan nicht eine passende Backing-Band, meinetwegen dann auch mit dem entsprechenden Trash-Faktor (ohne zweifaches H, wohlgemerkt)? Wie wäre es beispielsweise mit den gnadenlos untalentierten, aber ebenso gnadenlos ausdauernden Power-Metallern Anvil, nach denen Jahrzehnte lang aus gutem Grund kein Hahn gekräht hat („Forged in Fire“, hohoho, was für ein grottenschlechter Song – ich war immer wie vor den Kopf gestoßen, wenn der auf dem Metal-Tape Nummer 24 zwischen den feingliedrigen Iron Maiden und den irrsinnigen Raven auftauchte) und die trotzdem gezeigt haben, was man mit purer Anwesenheit alles erreichen kann? Dann wäre wenigstens ein Auftritt in Wacken garantiert gewesen, wenn das nun schon so ein Sehnsuchtspunkt ist. Was mich denn zum Inhalt bringt: Hin und wieder war ich da schon verstört. Die Idee, „give a fuck“ eins zu eins ins Deutsche zu übersetzen, ist exakt eine Textzeile lang lustig – danach fühle ich mich unbehaglich. Und über den Reim „Auf St. Pauli brennt noch Licht/da ist noch lange noch nicht Schicht/denn im Großen und im Ganzen/ham wir allen Grund zum Tanzen“ decke ich mal auch lieber den Mantel des Schweigens. Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Schade drum.


Wo wir gerade beim Thema „Dresche beziehen“ sind, kann ich auch gleich mit Marcus Wiebusch weitermachen. Für das neue Album „Konfetti“ gab‘s anständig und reichlich davon – beispielsweise von Freund Jörg Augsburg. Wobei er allerdings aus meiner Sicht einige Male anständig daneben haut. Zum Beispiel bei dem Song „Der Tag wird kommen“, auf den das ganze Gewitter der ästhetischen Kritik niederprasselt. Nun, ich halte es ehrlich gesagt für eine ebenso sinnlose wie alberne Schlussfolgerung, einem Fußball-Liebhaber damit zu kommen, einfach nicht mehr hinzugehen. Nicht mehr zuzusehen. Nicht mehr mitzumachen. Was da postuliert wird, ist nicht mehr oder weniger als das Ende einer kritischen Auseinandersetzung. Dich stört der Sexismus am HipHop? Hör keinen HipHop mehr! Du hast ein Problem mit nationalsozialistischem Gedankengut im Black Metal? Vergiss Black Metal! Und so weiter und so fort. So ein Gedanke ist – sorry – an Dämlichkeit nicht mehr zu toppen. Zudem sehe ich die ganze Geschichte auch schon ein wenig anders, was möglicherweise damit zusammenhängt, dass ich mich nun in mehr als einem Dutzend Jahren berufsbedingt auf vielen Sportplätzen zwischen 3. Kreisklasse und 3. Liga herumgetrieben habe. Es mag ja durchaus sein, dass die Zeiten, in denen Regionalliga-Trainer „Schwuchtel“-schreiend an der Seitenlinie berserkerten und Oberliga-Fußballer, die nur unter dem Verdacht der Homosexualität standen, offenkundig gemobbt wurden, vorbei sind. Allerdings bin ich ziemlich sicher, dass es für einen Fußballer kaum ein größeres Problem gibt als für „schwul“ gehalten zu werden – absolut unabhängig von der Liga (da springt auch Marcus Wiebusch zu kurz, das räume ich gerne ein). Vielleicht hat er dieses Problem nicht mit dem Trainer, was schon keine Selbstverständlichkeit ist. Vielleicht auch nicht mit den Mitspielern. Vielleicht noch nicht mal mit den gegnerischen Spielern, was ich mir ehrlich gesagt schon kaum noch vorstellen kann. Mit Sicherheit hat er dieses Problem nach wie vor mit den Fans – und zwar in der Ligazugehörigkeit abnehmend immer stärker. Da helfen auch keine scheinbar geschützten Räume wie die BSG Chemie Leipzig, in denen man sich den Kampf gegen Homophobie offensiv auf die Fahnen geschrieben hat. Ich sage ganz bewußt scheinbar, weil es auch da noch eine Fan-Ebene außerhalb des Diablo-Kontextes gibt, in der eben nicht alles okay ist. Und dies sage ich hier sehr dezidiert, da in einer Kommentarantwort von Jörg Augsburg genau diese aus meiner Sicht in diesem Punkt absolut unsinnige Differenzierung „Profifussball böse“ und „Amateurfussball gut“ betrieben wird, die – sorry – aus meiner Sicht ein großer, dampfender Haufen Kacke ist. Blöde Fußball-Romantik, die sich die Welt auch nur schönredet. Oder trinkt, wahlweise. Man sollte nicht mit einem Bumerang werfen, wenn man ihn nicht beherrscht. Punkt 1. Punkt 2 ist aus meiner Sicht auch ein grobes Foul – diese Peter-Maffay-Kontextualisierung ist echt fies. Kann man Marcus Wiebusch ernsthaft vorwerfen, im Großen und Ganzen bei sich zu bleiben? Auf jenem Pfad, den er genau genommen schon mit … But Alive eingeschlagen hat? Oder geht es hier nicht eher darum, dass das Natural-Born-Chamäleon – hey, der war mal ein Schlagerfuzzi! – mal wieder zugeschlagen hat und in den Bereich der betroffenheitsfixierten Emotionalität ausgewichen ist? Weil Emo der neue Stadionrock ist? Exakt dies musste ich denken, als ich zum ersten Mal „Halleluja“ hörte. Von Peter Maffay, wohlgemerkt. Was mich an diesem Vergleich stört? Dass Marcus Wiebusch eben kein Chamäleon ist. Seine Inszenierung ist die der Authentizität. Das kann man blöd finden, dröge und langweilig. Aber es ist etwas vollkommen anderes.


Ja, ich kann gut verstehen, dass man „Konfetti“ langweilig findet. Dieses Plinkern mit den elektronischen Möglichkeiten, dieses Kokettieren mit dem Stilmittel Rap, dieses emotional aufgeladene Spiel mit Melodie und Pathos. Diesen permanent erhobenen Zeigefinger. Das – würgh, wie ich dieses Wort mit der hinterlegten Bedeutung hasse – Gutmenschentum. Vielleicht ist dies auch der Punkt, an dem mich Marcus Wiebusch dann doch kriegt. Klassischer Schutzreflex. Ich habe nun mal kein Problem mit Haltung, sondern damit, wenn man das Haltunghaben diffamiert. Weil man dazu nicht tanzen kann. Weil es nicht sexy ist. Oder es die Kids nicht gut finden (was ich als Prognose ehrlich gesagt auch nicht so unbedacht in den Raum stellen würde. Weiß ich, was die Kids gut finden? Und wer zum Teufel ist das überhaupt – die Kids?). Weil es möglicherweise gesellschaftlicher Konsens sein könnte. Nun, dieses Risiko geht man immer ein, wenn man sich auf Haltung einlässt. Und vielleicht sollte man nicht das, was vom massenmedialen Mainstream als „gesellschaftlicher Konsens“ kolportiert wird, für bare Münze nehmen. Das eine ist die Medienwelt, das andere die reale Welt. Beide gehen nach meiner Erfahrung nur sehr, sehr, sehr selten zusammen. Andererseits kratzt dies an der Frage, ob Dinge nun automatisch schlecht werden, wenn sich eine größere Anzahl von Leuten lautstark darauf einigen kann. Was dann auch wieder der Link zwischen Jan Delay und Marcus Wiebusch wäre: Ersterer singt auf „Dicke Kinder“ wie der Ernährungsbeauftragte des Bundesfamilienministeriums, hat aber unterm Strich recht. Letzterer arbeitet sich an fußballbedingter Homophobie ab, erwischt den (scheinbaren) gesellschaftlichen Konsens und hat genauso recht. Verrückt, aber wahr. Natürlich sehe ich das Problem, natürlich verstehe ich das Problem. Was aber auch irgendwie an uns alten Säcken hängt, die ums Verrecken nicht den Rand halten wollen und erst recht nicht verschwinden möchten. Aus den Kellerkonzerten beispielsweise. Da will man als Kid den Wilden markieren und dann lungern Typen herum, die deine Eltern sein könnten. Und die finden das alles auch noch gut. Was für ein Mist. Es ist jetzt eine gute Frage, ob mich all diese Gedankengänge dazu bringen, „Konfetti“ unterm Strich ganz okay zu finden. Was ohne Zweifel der ungünstigste Fall für Marcus Wiebusch wäre. Nun, eine Antwort habe ich nicht. Deshalb verliere ich hier auch kein Wort über die Musik.

„Hammer und Michel“ ist via Vertigo, „Konfetti“ via Grand Hotel van Cleef erschienen.

Fotos: Universal (P. Ripke)/GHvC (A. Hornoff)

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