Neu erfunden: Church Of Misery

Text: Jensor | Ressort: Musik | 9. März 2016

Na, das ist aber mal ne Überraschung – da hat sich ja eine Menge getan im Hause Church Of Misery. Das ist auf gar keinen Fall Hideki Fukasawa, der sich da durch den Opener „The Hell Benders“ growl-gurgelt und auch nicht Yoshiaki Negishi. Und auch ansonsten hat sich irgendwie etwas am Sound verändert – irgendwie groovt das Schlagzeug anders als ich es bis dato von Church Of Misery-Veröffentlichungen gewohnt war. Tja, so ist es, wenn man Beipackzettel grundsätzlich ignoriert; allerdings wäre mir dann diese schöne Überraschung durch die Lappen gegangen. Langer Rede kurzer Sinn: Lediglich Mastermind Tatsu Mikami ist von der „Thy Kingdom Scum“-Besetzung übrig geblieben, dafür rückten wohlbekannte Recken wie Blood Farmers-Gitarrist Dave Szulkin, Earthride- und (Ex-) Internal-Void-Drummer Eric Little sowie Sänger Scott Carlson (der sich als Cathedral- und Repulsion-Bassist bereits einen gewissen Ruf erspielt hat) ins Line-up. Und ich habe den Blindtest gemacht – ja, das hört man „And Then There Was None …“ unbedingt an. Bislang hatte ich Church Of Misery in erster Linie als irrsinnig stoische Riffwalze wahrgenommen, die sich gnadenlos konsequent und mithin stimmig ihren Weg bahnt (egal, ob da etwas steht oder nicht). Die erwähnte „Thy Kingdom Scum“ hat an dieser Wahrnehmung hohen Anteil. Lustigerweise habe ich eine aktuelle Rezension gefunden, in der die zunehmende Abwesenheit der „markanten Einflüsse des 1970er Rocks“ konstatiert wird – lustigerweise deshalb, weil ich genau das Gegenteil gehört habe: Einen Song wie „River Demon“, der sich ganz offensichtlich sowohl in Sachen Songstruktur als auch bei der Riffarbeit an hartem Bluesrock orientiert, habe ich in dieser Form von Church Of Misery noch nie vernommen. Vorbehaltlos unterschreibe ich hingegen die Feststellung, dass da mittlerweile auch eine anständige Portion Südstaaten-Sludge an Bord ist. Unterm Strich ergibt diese eine Platte, die mit einer bemerkenswerten Vielschichtigkeit (selbstredend ausgehend vom grundlegenden Doom-Ansatz)bis hin zu dem fantastischen Doom-Blues-Stück „Murderfreak Blues“ als Rausschmeißer überrascht – und damit wahrscheinlich der beste Follower ist nach einer Veröffentlichung, die musikalisch die übelsten und finstersten Abgründe der menschlichen Seele ausgelotet hat. Wobei sich auch auf „And Then There Was None …“ an der grundsätzlichen Thematik nichts verändert hat: Nur dass diesmal Scott Carlson sich inhaltlich mit der ganzen Scheußlichkeit von Menschen wie der Bender Family, John George Haigh, Leonarda Cianculli oder Tommy Lynn Sells beschäftigt. Und eines muss noch unbedingt erwähnt werden: Eben jener ist ein grandioser Sänger/Shouter – die Art und Weise, wie er diese Texte mit einer abgrundtiefen Verächtlichkeit und Boshaftigkeit intoniert, jagt einem geradezu einen Schauer über den Rücken.

„And Then There Were None …“ ist bereits via Rise Above erschienen.

Foto: Label

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