Warum trägst du Männerkleider?

Text: Joerg | Ressort: Allgemein, Musik | 27. September 2018



Ich erinnere gerade jetzt, als ich Dreyers Film aus der Mottenkiste archive.org hole, die drallen Jugendgesichter von uns aus der Bananenwiedervereinigung von 94, als wir subkulturell ausholten zum finalen Aufbruch und uns alle Kraft der Welt dabei zur Verfügung stand. Einen Tag später hattest Du deinen Siebenundzwanzigsten nicht mehr richtig zusammen bekommen und lalltest von Traum und Hundefutter und bezaubernden Elfen.

Im Film die Passion der Jeanne d‘arc von 1928 siehst Du Dein Gesicht in der Blüte deiner Jugend. Es gibt keinen Zweifel – allenfalls den Schatten davon. Jakuzis Musik bildet komischerweise den Hintergrund zu dieser inquisitorischen Szenerie, weil beim Film zufällig die Musik fehlt. „Fantezi Muzik“ ist eigentlich kein Album der Verteidigung, des Angriffs, wie es zu Jeanne d‘Arc vielleicht hätte klingen müssen. Aber, traurigerweise passt alles zusammen in diesem seltsamen Weltmoment: wo ist Gabriel gerade? In Bangladesch? Gibt zwanzig Millionen. Und da grinsen wir Zyniker drüber. Denn in Bangladesch kommen die Flüchtlinge in eines der ärmsten Länder der Welt. Die Türkei ist sicher nicht eines der ärmsten Länder der Welt, aber dort wird ebenfalls wild um sich geschossen. „Fantezi Muzik“ ist ein Album der Liebe, des Respekts – nichts weiter. Ja, ja, Terrorismusgefahr! Genau, – damit macht man sich eben gerade verdächtig.

Vor fast neunzig Jahren entstand dieser Stummfilm des Dänen Carl Theodor Dreyer. Und er zeigt in drastischen, liebevollen Bildern – etwas, das man es später vielleicht noch bei Fassbinder oder John Cassavetes gesehen hat – wie eine Leidenschaft für die richtige Sache brennt, und wie eine Wand aus Negation dieser Leidenschaft begegnet. Es ist die verlorene Sache, klar. Aber, es ist die einzige lohnende Sache des Universums. Hier begegnen sich Opportunismus und Feigheit, stehen sich im gewohnten Ungleichgewicht gegenüber, – viel haben sie sich nicht zu sagen, aber ihr Dialog steht für den Kampf um das Menschsein.

Zitat Galeriebesucher Waldstrasse: „Ich werde jetzt etwas sagen, – ja, das hört sich vielleicht gleich an wie eine Phrase der AfD, … ich meine: …“. Es ist immer dasselbe. Sind etwa neunzig Jahre vergangen? Sind etwa vierhundert, sechshundert Jahre vergangen? Nein. Es muss davon ausgegangen werden, dass wir gewisse Rituale des Scharmützels immer, und immer wieder neu austragen und erleben müssen. In einem weiteren, gelungenen Jean-d‘Arc-Film, dem von Jacques Rivette, erleben wir zudem zum ersten Mal eine Frau, die sich, wenig eingeschüchtert, seltsam erfasst und beinahe ungerecht behandelt fühlt dabei, wenn sie spürt, dass SIE irgendwie auserwählt/bestimmt sein soll für einen zwar gerechten, aber ansonsten durchaus wahnsinnigen Kampf. Sie nimmt ihre Passion nicht als Fügung an, sondern wehrt sich verzweifelt. Bis sie merkt, dass ihr Widersinn gegenüber der allgemeinen Feigheit, gegenüber der normalen falschen Frömmigkeit, ein Geschenk ist, eines mit Widerhaken und kaum zu erduldendem Freigeist zwar – sowie eines, das sie absehbar ins Verderben stürzen wird – , aber, nachdem sie sich zunächst wehrte, schäumt sie bald vor Wut und zieht es vor, Das – was auch immer – halbwegs intelligent durchzuziehen.

„Ich kann nicht lesen“, bezeugt Dreyers Jeanne d‘Arc, im Film nach den belegten historischen Verhör-Akten, gegenüber der inquisitorischen Jurisprudenz. Sie vergießt im ganzen Film ungefähr drei Liter Tränenflüssigkeit, ohne dass ich dies eine Sekunde lang für übertrieben halte: das perfekte Video zu Jakuzis melancholischem, dunklen Midtempo-Disco-Wave! So wie Gülen, behauptest Du die Tochter Gottes zu sein?! Keine Texttafel, ein klares, verklärtes „Oui“ ist ihr von den Lippen zu lesen: „Lubunya“.
„Du bist eine Kreatur Satans. – - Bereitet die Folterkammer vor!“

In der Folterkammer läuft bereits Musik vom aktuellen Fleet Foxes Album … „I Am All That I Need“.

Jakuzi spielen beständig mit Anklängen an die Pet Shop Boys sowie Depeche Mode. In ihrer Klarheit und Bestimmtheit ist ihre Musik jedoch den Fleet Foxes näher. Zeitgemäße Klage gegen Roheit und Pragmatismus. Das ist so einfach gesagt. „Betrachte deine Richter!“ Anklage ist kein freiheitlicher Begriff. Wie: Surf-Music. Den Hedonismus bekamen die Beach Boys zugeschrieben. Aber, war da je etwas dran? „Höre Johanna, wir wissen, dass Deine Visionen nicht von Gott stammen, sondern vom Teufel“. „Kept Woman“ ist der wohl am wenigsten wehrhafteste Song auf „Crack Up“, dem letzten Fleet Foxes-Album. „Can you be slow for a little while“. Diese Entschleunigung ist keine Gegenbeschleunigung mehr. „Wie unterscheidet man einen guten vom einem bösen Engel?“ „Seule avec dieu!“ ist ihre Antwort auf das Angebot abzuschwören und der Drohung, ansonsten allein dazustehen. Also: Allein mit Gott.

Das Folteralbum „Crack Up“ lässt keinen Zweifel am Zustand der Seele Amerikas: „If you need to – keep time on me. / „If I need to i keep time on you“. Plakativ sind Filmleinwände nun mal. Die Eiserne Jungfrau ist keine Erfindung eines Horror-Autors. Der Aderlass ist eine Technik, die Carl Theodor Dreyer 1928 ohne Filmtrick real erscheinen lassen will. Das Blut springt aus der Stichwunde nach oben dunkel, schwarz heraus. Ja, seht es euch nicht an – oder seht es euch jetzt bald doch einmal an. „On Another Ocean“ beschreibt extrem düster die Möglichkeit eines Wandels: „Too young, too … „ Die Jugend beizeiten unterdrücken oder korrumpieren. „Die Kirche ist barmherzig … sie heißt die fehlgeleiteten Schäflein immer willkommen.“ „Ich bin eine gute Muslima“. Abschwören. Oblate. Back to Memphis. I should see Memphis. Hall-Kreis-Mix-Schwenk. „Ihr behauptet, dass ich vom Teufel gesandt wurde“. „Crack-Up“ / Aufgabe. Gegenanklage. Fußgetrampel. „Es gibt nichts mehr zu tun – benachrichtigt den Scharfrichter.“

„Ich versuchte zu wiederrufen“: Tiny Feet aus Brest, versucht eine existentialistisch-tiefgründige Version von Schwermut in Pop zu verwandeln, scheitert aber am Nötigsten: der Betroffenheit, bzw. dem Offenlegen echter Verletzlichkeit. „Bombay Beach“ macht hellhörig – zumindest findet dieser Song zum Teil in Bretonisch statt. Ich verstehe daher nur den englischen Refrain, höre aber eine Neigung zur Einfühlung via jetsettendem Air-B‘n‘B-Weltbegreifen heraus und spiele als letzten Versuch das Cover „(Talk To Me Like) Lovers Do“ an, in der Hoffnung etwas vom schwarzen Hedonismus der Eurythmics zu erhaschen. Das will avantgardistisch und rhythmisch gewagt klingen, reicht aber nur zur gefälligen Demoversion eines These New Puritans-Stückes. Zu „Jeanne d‘Arc“ passt dies eher wie der Soundtrack von Giorgio Moroder zu „Metropolis“ von Fritz Lang. Bestimmt gut gemeint, aber eben doch zu beflissen, und so ziehe ich danach als Referenz für Authentizität das Original aus der Plattenkiste: das „Life On Earth“ -Album von Tiny Vipers, welches mich erneut in nackte Melancholie zu stürzen vermag – gefährlicher Pop existiert!

Musik: Jakuzi. „Fantezi Musik“, City Slang 2017; Fleet Foxes, „Crack Up“, Sub Pop 2017 & Tiny Feet, „As An End To Death“, Les Diques Normal 2017 sowie Tiny Vipers, „Life On Earth“, Sub Pop 2009; Film: „La Passion de Jeanne d’Arc“, von Carl Theodor Dreyer (1928); „Jeanne La Pucelle“ von Jacques Rivette (1994).

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