Die PnG-Kinowoche

Text: Lars | Ressort: Film | 1. Juli 2014

No Turning Back

Aus der Spur

Ivan Locke (Tom Hardy) ist ein Mann der Prinzipien – pflichtbewusst in seiner Tätigkeit als Vorarbeiter auf den Baustellen, treu in der bereits 15 Jahre andauernden Ehe zu seiner Frau, liebevoll zu seinen beiden Kindern. Eigentlich sollte er an diesem Abend mit ihnen vor dem heimischen Fernseher sitzen und Fußball schauen, deutsches Bier trinken und Würstchen essen. Stattdessen sitzt er im Auto auf der Schnellstraße nach London. Und das obwohl am nächsten Morgen der wichtigste Arbeitseinsatz seiner Karriere ansteht. Doch anstatt das Fundament für ein riesiges Gebäude zu legen, muss er sich darum kümmern, sein eigenes Leben wieder ins Lot zu setzen, gerade zu stehen für seine Fehler und die Blutlinie zu durchbrechen. Ivan Locke sitzt am Steuer und hat sein Ziel vor Augen, davor liegen allerdings eine Vielzahl wichtiger Anrufe.

Ein Mann, sein Auto und viele Stimmen am Telefon – kaum mehr benötigt der Brite Steven Knight, der bislang vor allem als Drehbuchautor für Stephen Frears und David Cronenberg in Erscheinung trat, für sein Regiedebüt. Am Steuer sitzt ein herausragender Akteur, der die Gratwanderung zwischen Disziplin und Ausbruch der Gefühle meisterhaft bewältigt. Tom Hardy („Bronson“) kennt sich aus mit komplexen Charakterstudien. Für Regisseur Knight war er die erste Wahl und seine außergewöhnliche Entscheidung, in jeder Nacht, den kompletten Film chronologisch abzudrehen, stieß bei Hardy sofort auf Gegenliebe. Eine schauspielerische Grenzerfahrung, deren Reiz er sich nicht entziehen konnte. Kein Ort der Zuflucht, kein Make-Up schützt ihn vor der Kamera. Sein Ivan Locke ist ein bemerkenswert gefestigter Charakter. Doch je mehr die Schicksalsschraube anzieht, desto vehementer entlädt sich die Frustration im Vakuum der Fahrgastzelle. Der Zuschauer sitz auf dem Platz des Beifahrers, dem ungewissen Ausgang willenlos ergeben.

GB 2013 R: Steven Knight D: Tom Hardy

2 Automnes 3 Hivers

Très charmant

Arman und Amélie treffen sich zum ersten Mal beim Joggen. Wortwörtlich, denn als sie zusammenstoßen ist ihr Welt nicht mehr wie vorher. Amélie vegetiert in einer halbseidenen Beziehung zu einem DJ dahin, während Arman zwischen den Jobs, zwischen Frauen, kurz zwischen dem Leben steht und nur eins weiß: es muss sich etwas ändern. Als das Schicksal ihre Wege erneut kreuzen lässt, landet Arman im Krankenhaus und in den Armen von Amélie. Ein Jahr sind sie verliebt und glücklich, doch die Zeit stellt auch ihre Beziehung vor die Prüfung.

Von der ersten Szene an verbeugt sich Regisseur Sébastien Betbeder vor dem gesprächigen Kino der Nouvelle Vague. Die Protagonisten sprechen in die Kamera, kommentieren, quatschen über ihr Seelenleben und füllen die Leerstellen in der Handlung. Die Monologe sind dabei ebenso pointiert und entlarvend wie die Dialoge und die Chemie zwischen Vincent Macaigne und Maud Wyler stimmt. Betbeder lockert die eigentlich recht konventionelle Boy-meets-Girl-Story mit einigen überraschenden Ideen und zahlreichen cineastischen Querverweisen auf. Ein höchst charmanter Independentfilm, wie er nur aus Frankreich stammen kann.

F 2013 R: Sébastien Betbeder D: Vincent Macaigne, Maud Wyler, Bastien Bouillon

Finding Vivian Maier

Ans Licht gezerrt

Die Zeiten, in denen Archäologen sensationelle Schätze ausgraben, sind lange vorbei. Ab und zu gelingt einem Menschen aber dann doch eine Sensation. Der Amerikaner John Maloof, ein junger Fotograf und Historiker, entdeckte in einer Flohmarktkiste unentwickelte Negativrollen, auf denen sich faszinierende Bilder des Alltags auf den Straßen von New York in der Mitte des 20. Jahrhunderts befanden. Wer hatte diese Gabe, dieses Auge für unscheinbare Details, um Momentaufnahmen von solch einer Kraft einzufangen? Die Spurensuche ließ ihn nicht mehr los und so stieß er auf Vivian Maier, eine Nanny und leidenschaftliche Hobbyfotografin. Ihre Vergangenheit liegt im Dunkeln. Die Kinder, die in ihrer Obhut heranwuchsen erinnern sich nur noch an eine seltsame Frau mit steifem Gang und einer besessenen Sammelleidenschaft.

Maloof und der Produzent und Regisseur Charlie Siskel zeichnen anhand von Fotos, Filmaufnahmen und Berichten ein einnehmendes Porträt einer einsamen Frau, die davon getrieben war, die Zeit festzuhalten. Wir begleiten die Filmemacher auf ihrer mitreißenden Mission, ein unbekanntes Genie der Fotokunst in den Geschichtsbüchern zu verankern.

USA 2013 R: John Maloof, Charlie Siskel

Violette

Selbstlieblos

Die Schriftstellerin Violette Leduc und ihr 1964 erschienener autobiographischer Roman „Die Bastardin“ wurden zum Inbegriff der französischen Frauenbewegung. Aber der Weg dorthin war ein steiniger, von Selbstzweifeln geprägter. Als uneheliches Kind eines Dienstmädchens und eines wohlhabenden Bourgois wuchs sie in ärmlichen Verhältnissen auf. Ihre Beziehungen zu den Schriftstellern Maurice Sachs und Jacques Mercier scheiterten an ihrem gestörten Verhältnis zu sich und ihrer Umwelt. Vor allem an ihrem Verhältnis zur lieblosen Mutter hatte sie schwer zu tragen. Als Violette (Emmanuelle Devos) sich in Paris niederlässt, ist sie dennoch die einzige, die sie in ihr Leben lässt. Bis Violette die erfolgreiche Schriftstellerin Simone de Beauvoir (Sandrine Kiberlain) kennen und lieben lernt. Beauvoir ermuntert sie zum Schreiben und wird ihre Mäzenatin. Doch trotz des Beifalls namhafter Künstler wie Sartre oder Jean Genet für ihre direkte, unverblümte Art zu Schreiben, lassen sie die Komplexe nie los.

Dies fordert auch vom geneigten Kinogänger viel Kraft, denn Violette war äußerst schwierig im Umgang mit ihren Mitmenschen. Ihr stetes Hadern mit sich selbst und das Baden in Selbstmitleid sind mitunter schwer erträglich. Doch Martin Provosts („Séraphine“) Entmystifizierung eines literarischen Genies geht auf, auch dank der großartigen Verkörperung der Autorin durch Emmanuelle Devos („Coco Chanel“). Violettes eigenem Bild als hässlicher Freak entspricht sie zwar ganz und gar nicht, sie macht den Eindruck aber durch ihre beeindruckende Leinwandpräsenz wett. So ist „Violette“ kein hochglanzpoliertes Denkmal einer Pionierin der Frauenliteratur, sondern vielmehr ein vielschichtiges Porträt einer Getriebenen, ebenso genial wie grenzgängerisch.

F/B 2013 R: Martin Provost D: Emmanuelle Devos, Sandrine Kiberlain, Olivier Gourmet

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