Unterwegs als Grinse-Katze: Das war Stoned From The Underground 2014

Text: | Ressort: Allgemein, Musik, Veranstaltungen | 29. Juli 2014

Klare Aussage vorweg – das war schon richtig geil. So von vorne bis hinten. Momente der Erhabenheit kreuzten sich mit skurrilen Szenen, rauschhafte Kontrollverluste prallten auf arschcoole Situationen. Und so weiter und so fort. Kurz: Das Stoned From The Underground 2014 machte Spaß und zwar aus vielen Gründen: Die Attitude, die Leute, das vegane Chili Sin Carne, das Bier (manchmal gemixt mit roter Brause), der Doom-Metal-Front-Pavillon und selbstredend die Musik. Der Grinse-Katzen-Bericht von einer gelungenen Premiere.

Mother Engine

Ob es da neue Bands gab? Im Sinne von „In-meinem-Kosmos-neue-Bands“? Und ob es da neue Bands gab. Mother Engine, Freunde, Mother Engine und nochmals Mother Engine. Und nach kurzem Nachdenken würde ich erneut Mother Engine nachschieben. Aber mal im Ernst: Sollte sich die Formation Mother Engine mal in greifbarer Nähe befinden – HINGEHEN! Die haben mich so richtig geflasht mit ihrem weitgehend instrumentalen Kram, der so wunderbar zwischen energischer Härte und psychedelischen Abdriften chargiert. Grrrr. Da klang aber auch wirklich gar nix billig, doof oder abgeschmackt – es war ein gar vortreffliches Wildern in Rotor-schen Gefilden, angedickt mit einer satten Portion Heavyness und sogar gelegentlichen Ausflügen in Bereiche, in denen normalerweise Mogwai & Co. zu Hause sind. Das alles wurde gereicht in einer spielerischen Ausgebufftheit, die mir geradezu den Mund offen stehen ließ (übrigens auf keinen Fall mit Muggertum zu verwechseln). Großartige Band, die ein wohlmeinendes Schicksal auf einen sehr feinen Samstags-Slot auf der Hauptbühne spülte (inklusive breiter Aufmerksamkeit). Wo sie – meine Meinung – aber auch unbedingt hingehörten.

Treedeon

Was noch? Treedeon auf jeden Fall, die neue Band von Yvonne Ducksworth (Jingo De Lunch) und Arne Heesch (Ulme), zu der es dann aber an dieser Stelle noch gesondert etwas zu lesen gibt. Die Kurzinfo: Gib ihm! Gib ihm! Hyperemotionalisierter Noise-Rock, der einem die Nackenhaare in die Höhe treibt.

Grandfather

Richtisch cool waren auch Grandfather – zumindest für all jene, die bei einem gesteigerten Pop- und Stadion-Appeal im Stonerrock nicht gleich aus grundsätzlichen Erwägungen aussteigen. Denn genau darum geht es: Um Direktheit, um Eingängigkeit, um Zugänglichkeit. Nur eben, dass uns allen diese Portionen mit anständigen Nachdruck serviert wurden. Mit Dampf in den Fäusten und Zug zum Tor. Wumm! Zack! Da stand man doch wieder einmal dort mit runtergeklappter Kinnlade. Echt jetzt. Was – dies will ich nicht verhehlen – auch mit dem durchaus vorhandenen Charisma von Frontmann Tim Kaufmann zu tun hat. Im Auge behalten (nicht zuletzt, weil sich die justament erschienene „The Wolf“-EP auch gut weghört und das Potenzial der Band aus Jena unterstreicht).

Womit wir schon mitten im Geschehen wären. Ganz entgegen meiner vollmundigen Ankündigung, mir aber auch wirklich jede Band anschauen zu wollen, musste ich dann doch zwei Formationen passieren lassen. Was mehrere Gründe hatte – es galt noch eine Radiosendung zu produzieren, zu packen und der übliche Kanon von Tanken bis Bierkaufen. Zack, war der frühe Nachmittag rum. Und dann kam unserem Fähnlein auch noch ein durchweichter Zeltplatz in die Quere. Nebst entsprechendem Chaos – nein, das ist kein Gemecker. Zum einen hat sich die STFU-Crew schon selbst Asche aufs Haupt gestreut, was die Donnerstag-Einlass-Organisation betraf (partiell zu Recht, was aber an dieser Stelle die absolut einzige negative Einlassung bleiben soll). Zum anderen braucht‘s auch a bisserl Selbst- und Publikumskritik, denn an dieser Stelle versagte die selbstorganisatorische Festivaldynamik vollkommen. Dabei ist die auf einem eh knapp bemessenen Gelände aber ziemlich notwendig – damit eben nicht die einen unter einem Pavillon-Palast sitzen und die anderem im Outback campieren. Muss auch mal gesagt werden. Langer Rede kurzer Sinn: Die Cheap Thrills mussten ebenso wie Gonga ohne meine Anwesenheit auskommen. Sorry dafür.

The Vintage Caravan

Der restliche Donnerstag war unterhaltsam bis erhaben. Zudem gelang die Wetterbeschwörung, es sollte nicht mehr regnen. Außer vielleicht satter Retrofizierungspunkte, die von The Vintage Caravan reichlich ins Publikum geworfen wurden. Mit denen hatte ich mich bis dato so gar nicht beschäftigt, aber das war live okay. Echt jetzt. So ein abgehangen bluesifizierter, gleichzeitig schmissiger Hard Rock (sic!) hat nun mal seine beste Darreichungsform, wenn er einem live von der Bühne um die Ohren geföhnt wird. Hmm, dazu noch ein Kippchen und lecker Bier. Kenner wissen – wenn so schwadroniert wird, war es ein unterhaltsames Konzert, nicht mehr und nicht weniger. Ob damit meine aktuellen Vorbehalte gegen die Schwemme von Vintage-Rock geringer geworden sind, kann ich allerdings aus dem Hut gerade nicht sagen.

Valient Thorr

Eines weiß ich aber ganz genau: Ich habe bei Valient Thorr auf jeden Fall die zweite Gitarre vermisst. So ein feister Schweinerock braucht nun mal jeden Druck, den er nur kriegen kann. Und wenn dann eine Gitarre, die im Bandkontext vorgesehen ist, nicht am Start ist – nun, ich persönlich finde, man merkt das. Ob man deshalb der Information Glauben schenken sollte, dass der fehlende Mann einer Hai-Attacke zum Opfer fiel, nun, dies überlasse ich mal jedem selbst. Immerhin gab es Raum für einen anständigen Hai-Diss, was in Anbetracht der recht dünnen Hai-Präsenz in Erfurt okay geht. Zudem sollte man möglicherweise auch mal auf das generelle Valient-Thorr-Prinzip hinweisen. Auf den grünen Mantel und die roten Stiefel von Valient Himself beispielsweise oder die extraterristische Herkunft der Recken. Angedickt mit derlei Schabernack kann Schweinerock eigentlich nur gewinnen (so wie zu viel Ernsthaftigkeit ihn nachhaltig schadet) und dementsprechend unterhaltsam sollte sich die ganze Geschichte denn auch gestalten. Die beiden großen R des Schweinerock – wahlweise räudige Rotzigkeit oder rotzige Räudigkeit – wurden nach Kräften beschworen und fleißig umtanzt, wobei erneut Frontmann Valient Himself anständig ins Auge stach. Überraschenderweise funktionierte das Ganze auch auf der großen Festivalbühne ziemlich gut – normalerweise mag man ja derlei Chargieren zwischen Old-School-Metal, Punk-Attitude, Rock-Gepose und Kasperletheater ja am allerliebsten in einem kleinen Club erleben. Aus der Debatte, ob der letzten Platte „Our Own Masters“ nun die knackigen Hits fehlen, halte ich mich mal mangels Background raus.

Pentagram

So, nun muss der Sprung von der durchgeknallten Knallbuntheit (grüner Mantel! Rote Stiefel!) zu gesetzter Erhabenheit gelingen. Nur gut, dass auch Bobby Liebling so seine ganz eigenen Vorstellungen davon hat, wie ein kleidsames Hemd auszusehen hat. Und obendrein keine Hemmung verspürt, diese Vorstellungen auch vor ein paar 1000 Hanseln auszuleben. Was ich damit sagen will: Ja, das Hemd hatte schon wieder seine ganz eigenen Qualitäten. Punkt. Tja, wie komme ich nun aber zur Erhabenheit? Vielleicht, in dem ich einfach erwähnte, dass als Donnerstag-Headliner Pentagram gespielt haben. Kenner wissen um deren Erhabenheit. Um deren Heavyness und selbstredend um den Legendencharakter, mit dem man so in der Liga Trouble bzw. St. Vitus spielt. Nur, um an dieser Stelle mal den Rahmen abzustecken, in dem wir uns bewegen sollten. Ja, ich gebe es gerne zu, eine gewisse Ergriffenheit verspürt zu haben, als die Band tatsächlich auf die Bühne kam. Tatsächlich spielte. Und – Teufel noch eins – richtig gut spielte. „Nur Hits“, meinte Timo (DxBxSx; Blutige Knie), der sich plötzlich neben mir materialisierte und auch anständig Ergriffenheit in die Runde streute. „Nur Hits.“ Yes, man. Das hat aber mal so etwas von Freude gemacht. Diesen Kerl zu sehen. Zu sehen, dass er den langen, schweren und steinigen (Lebens-) Weg bis an den Alperstedter See geschafft hat, ohne vorher umzufallen. Dass er immer noch Shows spielen kann. Ja, manchmal wirkte Bobby Liebling ein wenig wacklig und, nun ja, ein wenig indisponiert. Das war mir schnuppe. Weil es trotzdem gefunzt hat. Weil es richtig gefunzt hat. Nun kann man ja so durchaus seine Probleme mit dem Weltbild von Victor Griffin haben. Habe ich. Und auch die Tatsache, dass da ein Place Of Skulls-Song in die Pentagram-Setliste rotierte (die „Don’t Let Me Be Misunderstood“-Coverversion von der 2002-er Platte „Nailed“) sorgte zumindest bei mir eher für Stirnrunzeln als für Begeisterung. Auf der anderen Seite muss man aber mal eines festhalten: Victor Griffin scheint aus musikalischen Erwägungen heraus zumindest aus meiner subjektiven Sicht für das Funktionieren der Band Pentagram essentiell zu sein. Weil er mit seinem Gitarrenspiel dieser Band Leben schenkt. Oder Tiefe und Verspieltheit bei aller Heavyness, die Gleichzeitigkeit von Emotionalität und Wumms sowie – nicht zu vergessen! – auch jene Sicherheit, die es einem Mann wie Bobby Liebling ermöglicht, über Schwächen in Stimme und Text einfach mal hinweg zu gehen. Da bin ich am Ende des Tages nur zu gerne bereit, über das Place Of Skulls-Stück den Mantel des Schweigens zu decken, wenn ich dafür mit einem bunten Strauß vortrefflich gespielter Pentagram-Hits entschädigt werde. Da darf man schon mal eine Träne im Knopfloch haben. Schnüff. Eindeutig einer der unbestrittenen Höhepunkte der Auflage 2014 vom SFTU, der da am Donnerstag von der Bühne fauchte.

Der Blick vom Hügel der Möglichkeiten

Kleiner Einschub: Yep. Es war noch nicht Mitternacht, als Schicht war auffer Bühne. Und zwar an allen drei Tagen. Auf den ersten Blick für mich ungewohnt (weil all meinen bisherigen Festivalerfahrungen diametral entgegenlaufend), aber eigentlich nicht schlecht. Das schärfte den Fokus in Richtung Musik. Zum Nachtanken konnte man ja immer noch ins Disco-Bierzelt gehen (auch wenn da die Musikauswahl gelinde gesagt etwas strange war und ich mir lieber eine Aftershow-Band gewünscht hätte, so etwas wie die grandiosen Xanthan Gum beispielsweise), Spaß und lachende Gesichter gab’s da zur Genüge. Feinen, gesunden Spaß konnte man auch auf dem Hügel der Möglichkeiten haben, aber dazu später mehr. Und auf einem Festivalzeltplatz ist ja auch immer was los. Langer Rede kurzer Sinn: Der straffe Bandzeitplan kommt einem Herrn im gesetzten Alter unbedingt entgegen. Wenn man sich jetzt nicht gerade am Absinth-Stand dauerhaft einrichtet und ordentlich Grundlage mit veganen Chilli Sin Carne, ebenso veganen Schokokuchen, schmackhaften Pestonudeln oder dem schnöden Festival-Gleichklang Bratwurst/Steak (nur von dem Stonerburger habe ich mal die Finger gelassen) legte, war es kein Problem, auch den Headliner im halbwegs Klarzustand zu goutieren. Ist ja auch mal schön. Ähem. Dazu kam der unbestreitbare Vorteil, dass man nach ein paar Aftershow-Bier und den schier unvermeidlichen Am-Zelt-Absackern zu einigermaßen verträglichen Zeiten in den Schlafsack kam – was sich wiederum wohltuend auf meine Kondition auswirken sollte. Obendrein hatte man so die Gelegenheit, manch munteren Konversationen in den frühen Morgenstunden mit einem feinen Schmunzeln zu begegnen und nicht nackter Wut. Unvergessen jener Moment, in der ein junger Mensch im Brustton der Ekstase vom Hügel der Möglichkeiten schrie: „Es ist sieben Uhr! Aufstehen!“, woraufhin ein älterer Mensch mit ähnlichem, allerdings emotional exakt entgegengesetztem Nachdruck zurückbrüllte: „Wenn du nicht gleich ruhig bist, erlebst du acht Uhr nicht mehr.“ Ach ja, schöne Festivalromantik …

Slow Green Thing

Zurück zum Wesentlichen, zurück zur Musik. Trotz zeitiger Schlafenszeit gestaltete sich der Start in den Freitag ein wenig zäh, was ja aber jetzt auch nichts Festivaluntypisches ist. Immerhin schaffte ich es mit knapper Not zu Slow Green Thing, um mich mal ein bißchen walzen zu lassen. Yep, walzen ist mit Sicherheit der richtige Ausdruck: Schwer, Alter. Und laut, Alter. Ich habe leider nur die letzten Titel mitbekommen, aber die legten sich dergestalt angenehm-bleiern auf meine Schultern, dass man am frühen Nachmittag schon wieder zur Grinsekatze mutierte. Alles zu den folgenden Treedeon gibt es wie erwähnt extra.

Cosmic Dead

Womit wir bei Cosmic Dead wären, jener Band, die zum einen aufgrund diverser Fahrzeugprobleme den Slot mit Mother Engine tauschen musste, was sich irgendwie als glückliche Fügung herausstellen sollte. Denn die Schotten hatten sich andererseits der Pflege der psychedelischen Erbes in der Schnittmenge Hawkwind/Spacemen 3/Amon Düül (II) verschrieben und dabei nicht die pflegeleichtesten Elemente herausgesucht. Was im Klartext bedeutete, dass sich die Herren daran machten, unerforschte musikalische Gefilde zwischen Feedbacks, Endlosschleifen, purem Noise und ausschweifenden Jams zu bereisen. Nun, ich für meinen Teil kann damit ziemlich gut umgehen und fühlte mich gerade zu Beginn des Konzerts öfters angenehm an die Stoizität erwähnter Spacemen 3 erinnert; auch die fortschreitende Strukturzersetzung und Haltlosigkeit machte mich lächeln. Allerdings verlor das Ganze ein wenig angesichts der Tatsache, dass die Sonne, die gelbe Sau alles nach Kräften zerleuchtete. Und auch weite Teile des anwesenden Publikums schienen mit der Struktur-, Form- und Haltlosigkeit von Cosmic Dead a bisserl überfordert.

The 2120’s

Eher unterfordert fühlte ich mich dann bei den Schweden 2120’s, die ja den klassischen Blues (-rock) auf das SFTU transportieren sollten. Aber ach, die ersten paar Songs waren erschreckend druck- und einfallslos, so die Bauart, die man eher bei einem Very-Old-School-Hirschbeutel-Meeting erwartet denn auf einem Festival, bei dem Herzhaftigkeit im musikalischen Tun weit oben auf der To-Do-Liste steht. Außerdem vermisste ich die Prise Emotionalität, die ich mit dem Blues nun mal zwingend verbinde. Einerseits. Andererseits fragte ich mich so in der Hälfte der Spielzeit, ob ich nicht vielleicht was an den Ohren habe – denn auf einmal war das alles da. Der Druck, die Intensität, die Gefühligkeit – und dies ausgerechnet noch bei einer ausgeprägten Ballade. Verrückte Sache. Ich bin sehr unentschieden, was das musikalische Schaffen von Christian Smedström und seinen Mitstreitern betrifft.

Belzebong

Was allerdings wohl auch daran liegt, dass gleich im Anschluss ein satter Tritt an den Kopf folgte. Belzebong, Leute, ich sage nur Belzebong. Auch da gilt: Wenn die mal in der Gegend sind, sollte man sich das anschuen. Wenn man denn die Kombination aus ultraschwerer Heavyness (inklusive in den Keller gestimmter Schaffenswerkzeuge) und freakiger Abgespactheit, die ausgesprochen offenkundig schon aus dem Namen spricht, zu goutieren weiß. Nun ist dieses Segment ja durchaus eines, in dem eine ganze Reihe von Bands unterwegs sind – unsere polnischen Freunde zählen da aber mit Sicherheit zu den markantesten. Belzebong haben genau die richtige Balance zwischen Stumpfheit (gerne von meiner Seite auch als Stoizität verklärt – aber wir reden hier nun mal von der stumpfen Gewaltwirkung fetter Riffs), Verdaddeltheit (yo, Man, der Bong, you know?) und Eingängigkeit gefunden, auf der man festhängen kann wie auf schwarzen Afghanen. Dieser Groove, bei dem man mit muss. Die Nackenmuskeln winseln, die (in meinem Falle nicht vorhandenden) Haare wedeln durch die laue Abendluft, viel geiler kann sich ein Festival wirklich nicht anfühlen. Einziges, winziges, eventimpliziertes Manko: Eine Band wie Belzebong ist auf einer großen Bühne bei Tageslicht sehr okay, aber richtig versacken kann man dazu wahrscheinlich am besten in einem finsteren Club, wenn man den Schweiß der Band riechen kann.

Mars Red Sky

Und es sollte aufregend weitergehen mit einer Band, die für mich musikalisch gesehen zu den interessantesten des ganzen Festival gezählt werden darf. Mr. „Doom Metal Front“ hatte schon ordentlich geschwärmt von Mars Red Sky und ich muss nach dem Konzert gestehen, dass er da aber mal ordentlich recht hatte. Gerade, weil es einem die Franzosen nicht einfach machten (im direkten Gegensatz zu Belzebong, in die man sich einfach reinfallen lassen konnte). Weil sie einen musikalischen Mix pflegten, der eigentlich ein paar Ausschlusskriterien ins sich barg. Wie lassen sich fette Doom-Riffs mit einer hochgradig verletzlich wirkenden Emo-Stimme und einer eher an Seventies-Psychedelic-Prog-geschulten Grundstimmung vereinbaren? Gut, letzteres kann funktionieren, aber es ist der Gesang von Julien Pras, der aus Mars Red Sky etwas ganz Außergewöhnliches macht. Eben mit seiner, ähem, Androgynität, mit seiner Verletzlichkeit, mit seiner Entrücktheit. Wobei ich gerne unterstreiche, dass dieser Gegensatz live sogar noch eine ganze Ecke besser funktioniert als auf der (unbedingt empfehlenswerten) „Stranded In Arcadia“-Platt – vielleicht gerade auch wegen der Tatsache, dass Julien Pras schon um seinen Gesang kämpfen musste. Im Sinne von Anstrengung, was ja nicht immer gut ist. Aber ich persönlich fand, dass genau dies der Musik eine unwiederstehliche Dringlichkeit verpasst hatte.

Kylesa

Yo, it‘s Headliner-time! Ich gebe ehrlich zu, dass ich mich mit dem Thema Kylesa in der Vergangenheit bestensfalls am Rande beschäftigt hatte. Wobei dieses Konzept mit den beiden Schlagzeugern und dem wechselnden Gesang ja unbedingt etwas hat – was sich auch live bestätigen sollte. Das war richtig cool. Diese beiden Drums, die tatsächlich eine Wirkung entwickelten (wenn mich mein Gehör nicht vollkommen getäuscht hat), weil das eine klassisch mit Drumsticks und das andere mit Schlägeln gespielt wurde. Und so ganz kann ich ja nicht gesponnen haben, denn dieser Eindruck wurde denn auch von anderer Stelle bestätigt. Auch das mit dem Gesang passte vortrefflich. Insofern volle Punktzahl. Ein wenig irrtiert hat mich allerdings das Songmaterial der Band, bei dem ich manchmal den Eindruck hatte, es hier gleich mit mehreren Formationen zu tun zu haben. Ein Eindruck, der mir ebenfalls bestätigt wurde, da es im Kylesa‘schen Schaffen offenbar in der Tat einen anständigen Break gegeben hatte. Vom sehr deutlich definierten Sludge-Metal-Kontext zu einer Musik-Melange, die auch den Stadion- und Pop-Gedanken einfließen lässt. Was grundsätzlich nichts Schlechtes ist, aber irgendwie wirkte das dann zumindest auf mich ein bißchen zerfahren. Und ich weiß nun überhaupt nicht, wo ich nun ansetzen sollte beim Thema Kylesa (aber das Interesse ist geweckt).

Colour Haze

Die Überraschung schlechthin sollte folgen: Colour Haze als letzte Band des Abends fühlte sich für mich im Vorfeld etwas komisch an. Headliner auf der großen Bühne, nach dem Dunkelwerden, zum mit weiten Abstand allerallerallerbesten Slot, den das Stoned From The Underground zu bieten hatte. Ja, ich gebe zu – ich hatte Bedenken (die auch ein bißchen von außenstehender Seite geschürt wurden). Aber ich bin bekehrt. Was das Trio an diesem Freitagabend abgeliefert hat, war einfach nur riesengroßes Kino. Punkt. Ich war tatsächlich geplättet. Von diesem einerseits richtig dicken und andererseits richtig differenzierten Sound, von dieser Gleichzeitigkeit von Verspieltheit und Wumms, von dieser spektakulären Achterbahnfahrt, auf die mich Colour Haze mitgenommen haben. Da ging es ab in den Himmel – yes, man, da oben sind die Sterne und der ganz weite Weltraum – und dann wieder runter mit Geschwindigkeit Richtung Erde. Boah, merkst du, wie du auf einmal richtig schwer wirst? Meine Fresse. Dazu noch dieses ganz große Kino in Sachen Licht, dass da aufgefahren wurde – was einen zumindest weiter hinten zusätzlich noch geflasht hat und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Das war ganz großer Sport. Ehrlich. Und ich freue mich nunmehr wie Bolle auf eine neue Colour-Haze-Platte, von der es ja auch schon eine Kostprobe zu hören gab (da muss ich mich mal auf Fremdmeinungen verlassen, ich war derart weit weg bei diesem Konzert, dass ich ehrlich gesagt auf einzelne Songs kein bißchen mehr gehört habe). Mannoman, allein für dieses Konzert hat sich SFTU 2014 aber mal so etwas von gelohnt.

Blutige Knie

Tja, noch einmal kurz zum Thema „Immer was los auf einem Festival-Zeltplatz“. So was kann einem ja auch in Form eines ausgeprägten Frühschoppens in die Quere kommen, wie ich am Sonnabend feststellen durfte. Wie es so ist mit dem Konterbier, das an diesem Tag bereits um 10 Uhr geöffnet werden sollte. Spaßig war es auf jeden Fall, aber ich musste schon am frühen Nachmittag dringendst den Gang aus der Sache nehmen und erst einmal entspannt zu Faßbrause und veganen Schokokuchen greifen – man wollte ja unbedingt den Headliner mitnehmen und nicht schon um 16 Uhr ins Schlummerland entfleuchen. Allerdings hatte das zeitige Goutieren von Bier auch so seine Vorteile: Die Lebenslust war umgehend wieder am Start, was sich im Erklimmen des erwähnten Hügels der Möglichkeiten gleich gegenüber vom Zelt äußerte – mit Treedeon im Schlepptau. Den Grund hatte mir ebenfalls bereits erwähnter Timo am Donnerstag in die Hand gedrückt – Alter, ey, Sonnabend 12 Uhr spielen Blutige Knie auf dem Hügel. Das fühlte sich zwar ziemlich lange eher wie ein gelungener Witz an (schließlich musste das ganze Geraffel nebst Stromgenerator auf den Hügel geschafft werden), aber dann ging es via Radlader ratzfatz. Und ebenso ratzfatz war alles eingestöpselt und – hey ho – ab ging das. Und wie es abging: Was Timo Tolkmitt an der Gitarre (nebst Gesang) und Till Trenkel am Schlagzeug abliefern, ist aus meiner Sicht schlicht und ergreifend geil. Ganz simpel und unreflektiert. Da scheppert die Gitarre und knallt das Schlagzeug. Punkrock in seiner buchstäblichsten und coolsten Form. „Indiehacken“ ist ein Hit, anders kann ich es nicht sagen – den allseits strahlenden Gesichtern konnte ich entnehmen, dass ich mit dieser Meinung nicht allein war. Auch hier gilt: Wenn die Beiden mal in der Gegend sind, hingehen.

Black Mood

Den offiziellen Sonnabend-Opener gaben die beiden Brüder Izz und Sleaze aka Black Mood und sie machten ihre Sache mehr als ordentlich – obwohl die Musik des Duos auf den ersten Blick so gar nicht meine Tasse Tee ist. Aber wenn einem diese Verhackstückelung aus Pantera-Groove und Thrash-Geriffe mit dem nötigen Nachdruck serviert wird, lässt man sich gerne mal zu einem anerkennenden Grinsen hinreißen. Weil es über weite Strecke ja einfach auch funktioniert. Die-ses-Riff-Zer-Hak-ken zum Beispiel, simpel, aber wirkungsvoll – ebenso wie der wuchtige Midtempo-Mosh oder das wütende Geknüppel. Zudem machen die Beiden richtig was her mit wehenden Haaren und peitschenden Dreads. Und was da an Saft und Druck von der Bühne kommt, bläst anständig um.

Mandala

Zu Grandfather habe ich mich bereits geäußert, womit wir bei Mandala wären. Auf diese Band habe ich mich aufrichtig gefreut. Weil ich „Fink“, diesen Knaller von einer Veröffentlichung, sehr mag. Und weil ich Mandala live noch viel mehr mag. Wegen dieser vier grandiosen Typen, die da auf der Bühne stehen und ganz cool-stoisch ihr Ding durchziehen. Wegen dieser Musik, die einfach nur wunderbar knallt. Rock, Alter, Rock! Los, wackel mit der Birne! Und mit dem Arsch! Yes, man, das geht ins Hirn und in den Bauch. Groooove. Groooove. Kennt ihr dieses Gefühl, wenn so ein sattes Downtempo einem mit Schmackes in die Knochen fährt? Und du plötzlich richtig schön abfliegst? Nein, wir reden hier nicht von Rauschmitteln, sondern von Rausch. Wobei dieser – dies räume ich gerne ein – im Club oder meinetwegen auch im Zelt intensiver gewesen wäre: Mandala sind auch wieder so eine Band, die man hautnah erleben sollte. In Greifweite und beengten Verhältnissen, wenn die Ohren klingeln vor lauter Lautstärke. Wobei ich unbedingt einmal hinzufügen muss, dass sich die Jungs auch auf der großen Festivalbühne mehr als wacker geschlagen haben – weil sie einfach cool bleiben und stoisch.

Miss Lava

So weit so angenehm. Wo sattes Licht herrscht, muss auch mal ein wenig Schatten sein. Und ob an diesem SFTU-Sonnabend Licht herrschte, hohoho, die Sonne, die gelbe Sau, wollte es nach den Zeiten des Vermatschens aber mal so richtig wissen. Keine Frage, dass da der Schatten gesucht wurde, aber es war dann doch ein wenig schade, dass sich dieser ausgerechnet auf der Bühne im musikalischen Schaffen breitmachen musste. Zu Miss Lava jedenfalls fiel mir sofort ein hornalter Spex-Artikel ein, in dem der Autor den schönen Begriff „DDM“ prägte. Das ist viele Monde her, in der Hochzeit des Death Metal (wir reden also von den frühen 90-ern) und bedeutete nichts anderes als „Durchschnitts Death Metal“ (nein, ich weiß nicht mehr in welcher Ausgabe dies stand und wer sich das ausgedacht hat). Im Zusammenhang mit den erwähnten Miss Lava assoziierte ich flott in Richtung „DD“ bzw. „DS“. „Durchschnitts Doom“ bzw. „Durchschnitts Sludge“. Da war leider gar nichts, was irgendwie hängen geblieben ist. Der Durchläufer des Festivals.

Brave Black Sea

Im Anschluss spielten Brave Black Sea, vor denen ich schon gewarnt worden war. Langweilig sei das und wenig inspiriert. Nun, solche Aussagen nehme ich zur Kenntnis, ohne mich davon abbringen zu lassen, in eine der vorderen Reihen aufzubrechen. Ich meine, das waren ja schon irgendwie Legenden, die da auf die Bühne kamen. Alfredo Hernandez hat „…And The Circues Leaves Town“ mit eingespielt, ja, die Platte von Kyuss. Chris Hale und Damon Garrison waren zusammen mit John Garcia bei Slo Burn am Start (schon wieder Kyuss-Background). Da will man nicht abseits stehen mit seiner durchaus vorhandenen Wüstenrock-Affinität. Leider muss ich dem Mahner aber recht geben: Aufregend war das nicht. Und damit meine ich nicht einmal, dass sich Damon Garrison am Mikrofon arg mühen musste und das ein oder andere Mal auch vom rechten (Gesangs-) Weg abkam – nein, so etwas kann ja auch Intensität vermitteln (höre Mars Red Sky) und Charisma, von einer nicht zu unterschätzenden Authentizität ganz zu schweigen. Wenn die Musik darunter nicht handelsüblicher Wüsten-Stoner der unambitionierten Sorte wäre. Dem im Vergleich zu der Über-Band Kyuss (die nun mal als Zitat permanent über Brave Black Sea schwebte) sowohl die Leichtfüßigkeit trotz Übergewichts, die emotionale Tiefe, das feinsinnige Überraschungsmoment fehlte. So wie allen Kyuss-Nachfolgeorganisationen etwas fehlt – mittlerweile eben auch den Queens Of The Stone Age, die mit „…Like Clockwork“ im gnadenlos überkandidelten, hemmungslos verkopften und unangenehm vermuggerten Rock-Kunsthandwerk angekommen sind. Da wäre jene Portion rifflastiger Stumpfheit, die Brave Black Sea zuviel haben, hervorragend aufgehoben gewesen. Und umgekehrt.

Dyse

Mother Engine – siehe vorne. Nochmal: Hingehen. HINGEHEN. Was selbstredend auch für die darauf folgende Band gilt. Wie man eine Menschenmasse schön wachsweich kocht und dann mit breitem Grinsen rüber und nüber walzt, wissen die Herren Dietrich und van Gohl nur zu gut. Und sie wenden dieses gute Wissen auch endlich wieder an, wie auf dem SFTU 2014 in feinster Weise zu bestaunen war. Pah, eine Festivalbühne ist zu groß für ein Duo. Käse. Auf die Energie kommt es an. Auf die Songs. Auf das feinsinnige Balancieren zwischen Wahnwitz und Position, das endlich wieder funktioniert – es gab da schon im Vorfeld einen Expertenschnack darüber, dass sich die Waagschale auch mal in Richtung Wahnwitz neigte und dies nicht die beste Entwicklung war; doch ich hatte die Beiden schon in Leipzig gesehen und wusste – alles wird gut! Und Dyse brauchten keine Minute, um die Meute zu kriegen. Die andererseits aber auch geradezu danach gierte, endlich abgehen zu können im Takt der Noise-Rock-Anarchie, die immer wieder im Schafspelz der Eingängigkeit daherkam. Aaargh, da bin ich einfach Fan. Mittendrin stehen, mitgrölen, die Rübe im Takte schwenken. Sag Hans zu mir!!!! Jaaaaa. Was für eine Band. Was für zwei wunderbare Typen, die die gleichzeitig verrücktesten wie naheliegendsten Ideen haben (Stichwort analoges Crowdfunding) wie zum Beispiel jetzt den Aufruf an alle: Du musst Dyse werden! Song runterladen, fertigschreiben und Dyse werden. Wie geil ist das denn?

Ufomammut

Es gab ja aber auch eine Fraktion (meist dem Doom zugewandt), die mit der Dyse’schen Performance so gar nichts anzufangen wussten. Aber die durfte sich freuen, nach dem leichtfüßig-anarchistischen Noise-Gehopse kam die bleierne Schwere. Und dies meine ich ernsthaft im wahrsten Sinne des Wortes. Ufomammut waren partiell dergestalt heavy, dass ich automatisch den Katzenbuckel machte. Weil’s Gewicht drückte. Nein, an diesem Auftritt gab es überhaupt nix zu meckern: Die Italiener spielten sich munter durch das Gesamtkunstwerk, erdrückten mit massiven Riffs und brachialer Schleppwucht, um im Anschluss mit der sanften psychedelischen Feder wieder Leben reinzukitzeln in den gebeutelten Körper. Live ist das Ganze unfassbar geil. Muss ich an dieser Stelle mal neidlos anerkennen und den vorhandenen Hut ziehen. Danke für diese Lektion.

Graveyard

Was denn auch für die letzte Band des Festivals gilt: Graveyard machten tatsächlich das, was The Vintage Caravan noch nicht gelungen war. Sie versöhnten mich mit dem Prinzip Retro-Rock so nachhaltig, dass ich mir glatt noch Schlaghosen kaufen gehe. Nein, mal im Ernst: Die sind schon richtig großartig. Ein gar würdiger Headliner, der zum Finale noch einmal alle Register zog, die man sich so im Rockkontext vorstellen kann. Licht, Sound, Bühnenpräsenz. Dazu noch geile Songs – und dies meine ich wirklich ehrlich. Das hat mir derart gut gefallen, dass ich mich umgehend an den Rechner gesetzt habe und mir „Lights Out“ als digitales Schmäckerchen geladen habe – yep, ich bin in dieser Hinsicht ein bekennender New-Schooler (was aber auch daran liegt, dass ich ins Plattenzimmer rein platzmäßig nur noch ganz Ausgewähltes reinbekomme). Ein Tränenzieher wie „Slow Motion Countdown“ funktioniert eben auch live als gänsehautbereitender Tränenzieher. Ja, wir reden hier zuvorderst von Emotionalität und die wurde die diesem Quartett in rauen Mengen von der Bühne geschossen. Das paarte sich mit einer Seventies-Authenzität, die zu keiner Sekunde schal oder abgestanden wirkte. Und zwar ohne den Ghost-schen Firlefanz oder das Orchid-mäßige Epigonentum – eher so in der freigespielten Kadavar-Liga, nur eben weniger mit dem Psychedelic- denn viel mehr mit einem ausgeprägten Blues-Einschlag. Wie gesagt: Ein würdiger Headliner.

Was bleibt, ist das Grinse-Katzen-Feeling. Und die Gewißheit, nächstes Jahr wohl wieder nach Erfurt zu müssen (und zwar mit ein paar Leuten mehr im Schlepptau, versprochen). Yo, der geht noch raus an alle da draußen, mit denen wir an diesen Tagen rumgehangen haben – an die Doom-Metal-Front-Truppe, an die ganzen Mädels und Jungs von der Rotor-Crew (wir sehen uns spätestens 2015 in Lobbese!), an Timo und Till von Blutige Knie, an Treedeon, an den Typen mit dem coolen Shit & Shine-Shirt, ach was, an alle, die da waren – weil der Vibe genauso cool war, wie ich es mir erhofft hatte … Und natürlich an all jene, die dieses Festival auf die Beine gestellt haben. Geile Sache. Wir sehen uns nächstes Jahr.

Fotos: Klaus „The Festival-Hero“ Nauber

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