Die PnG-Kinowoche

Text: Lars | Ressort: Film | 1. Mai 2015

Film der Woche: Der in Paris lebende Regisseur Pan Nalin brachte bereits mit seinen Filmen »Samsara« und »Ayurveda« indische Kultur und Geschichte dem westlichen Publikum näher. Für »An den Ufern der heiligen Flüsse« unternahm er nun eine ganz persönliche Reise in seine Heimat. Alle zwölf Jahre pilgern bis zu 100 Millionen Gläubige für 55 Tage an den Zusammenfluss von Ganges, Yamuna und dem unsichtbaren, mythischen Fluss Saraswati, um sich in einem Bad von ihren Sünden zu reinigen und sich aus dem Kreislauf der Wiedergeburt zu befreien. Die Kumbh Mela, das größte religiöse Fest der Welt, ist die spirituelle Zusammenkunft der Hindus, aber auch ein chaotischer Schmelztiegel der Geschichten. Hier traf der Filmemacher auf einen Yogi, der sich eines ausgesetzten Säuglings annahm und ihn liebevoll wie seinen eigenen Sohn heranzieht, obwohl er eigentlich längst allem Weltlichen entsagt hat. Er lernte den selbstbewussten Wirbelwind Kishan Tiwari kennen, einen Zehnjährigen, der von Zuhause ausgerissen ist und bei den Sadhus Zuflucht gefunden hat. Pan Nalin findet seine Geschichten aber auch unter den Hunderttausenden Vermissten, die so ein Massenauflauf mit sich bringt, und erzählt von der verzweifelten Suche von Matma Deviund Sonu nach ihrem dreijährigen Sohn. So entsteht ein farbenprächtiges Mandala unterschiedlicher Geschichten. Überraschend, erheiternd und mitreißend, erzählt mit Leidenschaft und Hingabe für die Figuren und ihre Lebenswege.

»An den Ufern der heiligen Flüsse«, IND/F 2013, R: Pan Nalin

Paris in den frühen Neunzigern. Die Underground-Partyszene boomt. Irgendwer hat von irgendwem eine Telefonnummer. Die führt zu einem Anrufbeantworter, auf dem eine Wegbeschreibung hinterlegt ist, die zum Partyort führt. Was folgt ist eine durchtanzte Nacht, Drogenexzess und Endorphine. Auch Paul ist angefixt und lebt für die Nacht. Er ist Anfang 20 und umgeben von einem Freundeskreis aus Kreativen. Wie seine Helden Frankie Knuckles und Joey Beltram will auch Paul seine Leidenschaft für die Musik ausleben. Gemeinsam mit seinem Kumpel Quentin gründet er das DJ-Duo Cheers und bringt Garage House in die Clubs. Die Symbiose aus kühlen elektronischen Sounds und warmen Soul-Stimmen fängt schnell Feuer in der Clubszene der Metropole und entwickelt ein Eigenleben.
Der Film von Mia Hansen-Løve (»Der Vater meiner Kinder«) begleitet Paul über zwei Jahrzehnte hinweg, taumelt mit ihm durch die Höhenflüge der Nacht und den Kater des Alltags. Der Konflikt zwischen Freiheit und Verantwortung geben der Chronik einen zunehmend melancholischeren Ton. Die französische Regisseurin und Aktrice, die für Olivier Assayas vor der Kamera stand, lehnt ihren vierten Film an dessen Erinnerungen an die Studentenproteste der Siebziger (»Die wilde Zeit«) an. Gemeinsam mit ihrem Bruder Sven wollte sie ein ähnliches Profil ihrer Generation schaffen. Sven Hansen-Løve war als DJ aktiv in den Neunzigern an der Genese des French House beteiligt und erzählt hier ein Stück weit seine eigene Geschichte. Das führt gelegentlich zu Insiderreferenzen, bei denen man sich ein wenig so fühlt, wie die beiden Köpfe von Daft Punk, deren Figuren als Running Gag immer wieder an den Türstehern scheitern.
»Eden« ist sehr fragmentarisch erzählt. Manchmal hat man das Gefühl einer Clubnacht: der Plot geht verloren, weil die Musik so laut ist, aber man hat dennoch eine gute Zeit. Die Selektion der 28 House-Klassiker hingegen ist makellos und in dieser authentischen Form nur möglich, weil sich Daft Punk dafür eingesetzt haben, dass die Tantiemen nicht durch die Decke gehen.

»Eden«, F 2014, R: Mia Hansen-Løve, D: Félix de Givry, Pauline Etienne, Vincent Macaigne

Jerry (Ryan Reynolds) ist ein sympathischer Typ, ein bisschen langsam vielleicht, aber stets gut gelaunt und beliebt bei seinen Kollegen. Seltsam wird es erst, als er seine Wohnung in der Kleinstadt betritt und ihn seine Haustiere begrüßen. Der Hund Bosco ist der gutmütige Part in seinem Leben, während der Kater Mr. Whiskers nie um einen fiesen Kommentar verlegen ist. Als Jerry beschließt, die Pillen abzusetzen, bringt das einige Probleme mit sich. Marjane Satrapi (»Persepolis«) realisierte ihren ersten auf einem fremden Buch basierenden Spielfilm in den Studios Babelsberg. Dort schuf sie die skurrile Welt eines Schizophrenen, den Reynolds mit infantilem Charme verkörpert. Heraus kam eine knallbunte Horrorsatire, eigenwillig und angenehm anders.

»The Voices« USA/D 2014, R: Marjane Satrapi, D: Ryan Reynolds, Gemma Arterton, Anna Kendrick

Ludwig XIV. (Alan Rickman) – der Sonnenkönig, Inbegriff für prunkvolle Perfektion. Als er Ende des 17. Jahrhunderts den Hofstaat nach Versailles verlegt, stürzt das den höfischen Gartenarchitekten Le Nôtre (Walonier mit wallendem Haar: Matthias Schoenaerts) in die Krise. Schließlich ist es seine Aufgabe, den Regenten mit neuen Impulsen zu begeistern, ohne dabei die Regeln der Ordnung außer Acht zu lassen. Ein Scheitern wäre fatal und würde eine Zukunft im Kerker bedeuten. Die arroganten Gärtner der Aristokratie öden ihn mit ihrer selbstherrlichen Art an. Dagegen bringt die selbständige Landschaftsgärtnerin Sabine De Barra (Kate Winslet) einen angenehmen Hauch von Chaos in den geordneten Plan. Le Nôtre ruft sie an den Hof und überträgt ihr die Aufgabe. Doch für eine alleinstehende Frau ist das Leben und die Arbeit im Hort der Intrigen alles andere als leicht.
Man merkt, dass es sich bei Alan Rickmans zweiter Regiearbeit um ein Herzensprojekt handelt. Kein Wunder, dass sich das exquisite Ensemble dazu bereit erklärte, auch ohne großes Budget vor die Kamera zu treten. Man spürt geradezu, das am Set gute Laune geherrscht haben muss. Die Stimmung überträgt sich auf das sonnendurchflutete Sittengemälde, das weit weniger im Prunk zu Hofe schwelgt, sondern sich gehörig dreckig macht. Im Mittelpunkt steht die fiktive Figur Sabine De Barra, für Kate Winslet ein Geschenk, das sie zu schätzen weiß. Sie verleiht ihr ebenso Würde und Verletzlichkeit wie Stolz und Stärke. King Rickman nimmt sich zurück und gibt seinen Darstellern Raum. Ein angenehm zurückhaltend inszenierter Kostümfilm.

»Die Gärtnerin von Versailles«, GB 2014, R: Alan Rickman, D: Kate Winslet, Matthias Schoenaerts, Alan Rickman

Die Flimmerzeit im April

 

-->

Kommentieren