ALERTA, ALERTA, … NORMAL-LINKS!

Text: | Ressort: Thema | 2. Januar 2019

Die #wirsindmehr-Gegenkonzerte am vergangenen Montag in Chemnitz mobilisierten mehr als 60.000 Menschen – viele davon aus Chemnitz. Innerhalb weniger Tage, ja fast muss man sagen Stunden, organisierten Bands um die Chemnitzer Kraftklub eine Veranstaltung, die vornehmlich ein antifaschistisches Gesicht zeigen sollte. Die Initiative zeigte Erfolg, die Stimmung war offensichtlich freundlich, obgleich auch dezidiert kampfeslustig bis übermütig. Dazu trugen vor allem die Bands K.I.Z. aus Berlin, sowie Kraftklub aus Chemnitz und Feine Sahne Fischfilet aus Mecklenburg bei, die beim Thema Antifaschistischer Widerstand so manches Register zogen, wobei sie zugleich regelrecht vor Leidenschaft zu brennen schienen. Das ist ansteckend – und gerade die jüngeren Zuhörer wirkten aufgeputscht und engagiert, sangen und verstanden die Texte, konnten mit bitterer Ironie und beißendem Zynismus darin genauso smart umgehen, wie mit überbordender Emotion und Wut.

„Adrenalin! Adrenalin! Adrenalin! Adrenalin!“ schallt der Song von Marteria & Casper gleich zweimal an diesem Protesttag ins Publikum – Luftaufnahmen des Veranstaltungsgeländes zeigen dazu eine eruptive Massenchoreographie. Von oben sieht es aus, als platze die Stadt Chemnitz vor Demonstranten aus allen Nähten. Normale Festivalbesucher kann ich diese Menschen nicht nennen. Tanzen und Protestieren ging hier Hand in Hand, wenn es jemals in der Rockmusikgeschichte eine andere Chiffre für Jugend- und Gegenkultur gab, dann hatte sie sich wohl einfach nur aus dem Fokus geschoben, hinein in den „Mainstream der Minderheiten“(1). Rockgroß- bis Megaveranstaltungen gibt es heute über den Globus verteilt. Bis auf einige wenige politisch motivierte, wie „Live Aid“ 1985, oder das Solidaritätskonzert für Nelson Mandela 1988, sind diese jedoch weitgehend auf Themen abseits des Diskurses angelegt. Ein Metal-Festival wie Wacken zum Beispiel, bedient nur das Klischee von Aufstand und Protestkultur – es ist ein nostalgisch-eskapistischer Trip in die Mainstream-Hippiezeit, bis auf das nekrophile bis nihilistische Outfit.

Fast könnte man meinen, der Nazirock habe die Blümchenrock-Kultur wieder zu einer gemeinsamen Stoßrichtung angespornt. Klar hatten die Rechten den Rock und Pop um viele seiner Stilmittel beklaut, und viele haben dies mit Erschrecken zur Kenntnis genommen. „The Kids are not allright“ konstatierte D. Diederichsen in Anspielung auf den Song „The kids are allright“ von The Who aus dem Jahr 1966. Die Nazis hatten die gesellschaftliche Kraft, die Wut und das Gemeinschaftsstiftende von Rockmusik für sich entdeckt – und es funktionierte auch negativ, nicht zuletzt, weil Rockmusik das Körperliche, das Zusammengehörigkeitsgefühl, das Kultische im Tanz, und vor allem das Rebellionsstiftende, transportieren konnte und kann. In der breiten Masse war dies bereits alles verwässert bis verschwunden, abgewandert in kleine Sparten und Mini-Szenen.

Die letzte große Wutwelle der Rockmusik, gespeist aus Verzweiflung, Perspektivlosigkeit und Ausgrenzung, erreichte Europa in Form von Hip-Hop sowie des so genannten Grunge-Rock. Jedoch fehlte der breite gesellschaftliche Nährboden. Die Tristesse und Hoffnungslosigkeit vieler Biographien in amerikanischen Metropolen entsprachen einfach noch nicht dem trunkenen Freundentaumel um das Ende des Kalten Krieges zu Beginn der Neunziger Jahre. Altgediente Gegenkulturhelden konnten den neuen Hedonismus in der populären Musik noch so geißeln, die Masse blieb farblos – oder wurde braun. Der Underground blieb smart, auch hätte die Technobewegung fast ein Umschwenken des Mainstream bewirkt, aber in der Summe blieb Tanz- oder Rock-Musik als Gegenentwurf, als Leitlinie oder politische Diskursfläche, bis auf Acts wie die Ärzte oder die Toten Hosen, die es mit Politschlagern immer noch in die Charts schafften, redundant.

Chemnitz war gestern nicht der Reichsparteitag des Rock, oder das Woodstock aller europäischen Hooligans – liegt ja durchaus in der Strategie der Rechten, ein solches Event endlich einmal medial zu schaffen, siehe die zahlreichen großen rechten Musikfestivals, die es schon gegeben hat. Nein, die Nazis zogen es vor facebook-afine Senioren und Staatsbeamte einzuladen, dass sie ihnen bei der Menschenhatz applaudieren, Motto: echten Mord mit Lynch-Mob sühnen. Ganz nebenbei haben sie vielleicht ungewollt eine breitere Gruppe von Menschen, hauptsächlich Jugendliche und junge Erwachsene, zurück in deren eigene engagierte Wut und Trauer befördert. Da wunderten sich gar die alten Chart-Punks der Toten Hosen, wie sehr dort gestern, ihr fast schon als Klischee gepflegtes, Aufbegehren pötzlich authentisch übersprang. Ganz organisch wurde jetzt aus Mainstream-Popgruppen und linken Punkbands, zusammen mit Demonstranten gegen Rassismus und Obrigkeits-Staat, im neu entflammten Bürgerkrieg für den Moment eine starke Einheit. Das hat sichtlich auch Sänger Campino, ansonsten ein mit allen Wassern gewaschener Profi im Rock-Business, gerührt und teilweise aus dem Konzept gebracht, er wollte, konnte es selbst nicht glauben, dass sich nach unzähligen Gegen-Rechts-Konzerten jetzt eine Zäsur ereignen sollte.

Dazu war alles unheimlich perfekt und schnell organisiert worden – selbst im Zeitalter der Mega-Events und Festivals eine Überraschung, wie schnell hier gearbeitet wurde. Als Headliner waren die Toten Hosen gesetzt, aber die Highlights des Abends waren die etwas jüngeren Bands, allen voran K.I.Z. aus Berlin. Ihr Vortragsstil war an Virtuosität, Gefühl, Sprachkunst und Bühnenakrobatik wirklich eindrucksvoll – dass eine solch politisierte Band Massen von Menschen anspricht, Charterfolge feiert, dies wäre in den Neunzigern kaum denkbar gewesen. Ähnliches gilt natürlich auch für Feine Sahne Fischfilet oder Kraftklub. Allein aus dem Spektrum rechter Bands kennt man über die letzten Jahrzehnte einen solchen Mainstreamerfolg, siehe die Rechtsrocker Böse Onkelz oder seit einigen Jahren auch Frei.Wild, die regelmässig die deutschsprachigen Charts anführen. Die Zeiten, in denen Jugendliche in der Breite linker Protestmusik zusprachen, gehörten nämlich schon länger der Vergangenheit an.

Gestern bekam ich den Eindruck, zumindest wenn ich mich ideologisch nicht allzu sehr verbarrikadiere, dass Leute es wieder zu schätzen wissen, wenn sie gemeinsam ideologisch in eine ähnliche Richtung tanzen können. „Alerta, Alerta, – Antifascista!“ skandierte die Menge immer wieder wie im Rausch, was sie von jedem anderen jemals von mir live gesehenen Mainstreampop-Publikum sofort abhob. Das hatte es bislang auf Normalo-Großveranstaltungen nicht gegeben. Die Gesichter, die wesentlich weniger hasserfüllt in die zahlreichen Kameras blickten als am Samstag davor, ja sogar lachten und weinten, stimmten mich persönlich durchaus zuversichtlich.

Jörg

Quelle, das Konzert #wirsindmehr in Chemnitz:

1) „Mainstream der Minderheiten : Pop in der Kontrollgesellschaft“, Mark Terkessidis & Tom Holert (Hg.)

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