Scott Matthew – Unlearned

Text: | Ressort: Musik | 25. Juli 2013

In vergangenem Dezember gab Herr Matthew, nur begleitet von einem Gitarristen, ein feines, sehr exklusives Konzert ausschließlich mit Coverversionen und wenn ich mich recht erinnere war nur einer seiner eigenen Songs in ähnlich reduzierter Bearbeitung darunter. Danach war die Enttäuschung groß, als man keinen entsprechenden Tonträger mit nach Hause nehmen konnte. Dem wird nun abgeholfen. Wer Neuinterpretationen generell doof oder überflüssig findet braucht hier nicht weiterlesen. Andere bringen sich nicht um den Reiz, einen mehr oder weniger bekannten Song, in diesem Fall vornämlich Letztere, in neuem Gewand zu betrachten, wiederzuentdecken bzw. auf eine völlig neue Weise zu betrachten, zu fühlen, zu erleben. Die Auswahl erfolgte wohl ganz natürlich, ergab sich quasi von selbst. Lieder, die ihn schon immer begleiteten oder zu einem Zeitpunkt eine besondere Bedeutung hatten. Was man auch hört. Die Interpretationen durchliefen einen intuitiven Filter, manche wurden sehr verändert, andere blieben nahezu original. Auf Platte oder live erschienen alle als Matthews eigene Songs. Herzzerreissend barmt er sich durch Whitney Houstons „I Wanna Dance With Somebody“, wobei man ins Stocken gerät, welche Tiefe der Tanznummer innewohnt. Als Konotation schwingt natürlich das Schicksal der ersten Interpretin mit. Ja, ein unbeschwerter Reigen sieht anders aus. Melancholie und scheinbare Verzweiflung überwiegen. Der Mix der Zusammenstellung ist allerdings schon sehr interessant und abwechslungsreich. Folk (Neil Young – Harvest Moon), Schnulzen (Bee Gees – To Love Somebody, John Denver – Annie’s Song, Danny Whitten – I Don’t Want To Talk About it besser bekannt in der Version von Rod Stewart) oder New Wave (Jesus & Mary Chain – Darklands) oder Britpop (There’s A Place In Hell For Me And My Friends von einem gewissen Steven Morrissey). Besonders nahegehend das Duett „Help Me Make It Through The Night“ (Kris Kristofferson) mit Vater Ian, was auch ein Höhepunkt des Konzertes war, da beide Eltern zu Besuch von Down Under in Deutschland weilten. Speziell auch „Love Will Tear Us Apart“, die Hymne von Ian Curtis an seine Angetraute, und natürlich „No Surprises“ von Radiohead , was auch schon früher zu Scott Matthews Zugabenprogramm gehörte.
„Unlearned“ nimmt entsprechend anfällige RomantikerInnen vom ersten Takt an mit und entführt in eine abgedunkelte Parallelwelt mit warmen und kälteren Ecken, aber immer mit einem Licht in der Ferne. Leiden Galore. Erstaunlicher Weise erkennt man die meisten Stücke und hat auch bald den Text parat. So erlebt auch der Hörer die Klassiker neu. Entschleunigt, reduziert, entschlackt und mit großer Geste intoniert. Spannend und emotional, jaja klar auch ein wenig theatralisch. Okay streichen Sie das „ein wenig“ und unterstreichen sie „Pathos“ fett.

(Glitterhouse/Indigo)

www.scottmatthewmusic.com

scott matthew + daddy
Duett mit Vati

scott matthew
In besserem Licht 2011

PS: Wer mehr uncoverbare Songs neu entdecken will sollte sich das Œvre von Susanna Wallumrød (Susanna bzw. Susann And The Magical Orchestra) mal zu Gemüte führen.

-->

Kommentieren