Mut zur Veränderung – Desertfest 2017

Text: Jensor | Ressort: Diary, Musik, Veranstaltungen | 21. Mai 2017

Ach ja, die Veränderungen! Es ist schon ein Kreuz damit, sich immer mal wieder mit Dingen auseinandersetzen zu müssen, die man so eigentlich nicht erwartet hatte. Und ja, da gab’s einiges auf die Ohren, als ich am Tag 2 zum Desertfest-Fähnlein stieß und mich nach dem allgemeinen Befinden erkundigte – dieses neue Konzept mit den ausgelagerten Spielstätten, nun ja, das würde der allgemeinen Beschaulichkeit nicht gerade zuträglich sein und zumindest in der Auflage 2016 – nur dafür kann ich sprechen – hatte sich das Desertfest in Berlin einen hohen Wert auf der Beschaulichkeitsskala erspielt, wenn man mal die allgemeine Infrastruktur zum Maßstab nimmt. So schnell kann’s gehen: Nach Easy-Going geradezu panikauslösender Stress! Da wurde auch schon mal das Hohelied des Alterns gesungen, nach dem eine Standortverlagerung, die über einen Umkreis von sagen wir mal 100 Metern hinausgeht, bereits als Wanderung zu bezeichnen ist. Aber mal ernsthaft: Ja, einerseits konnte und kann ich die Kritik daran, dass sich das Desertfest mit der Cassiopeia und dem Badehaus zwei weitere Spielstätten außerhalb des Astra Kulturhauses an Land gezogen hat, durchaus nachvollziehen. Ich bin ein großer Anhänger des Zwei-Bühnen-Festivals ohne Überschneidungen (musikalisch gesehen), mehr noch – am liebsten sind mir die Ein-Bühnen-Festivals mit überschaubaren Umbaupausen, die dann zum allgemeinen Socializing genutzt werden können – ohne das mehr oder minder kluge Gequatsche mit Leuten, die man ein-, zweimal im Jahr sieht ist aus meiner Sicht so ein Festival nur ne halbe Sache (erst recht in einem musikalischen Segment, in dem sich eh viele Leute nach ein paar Jahren mit Handschlag begrüßen können).

Schlange

Aber es gibt ein andererseits, was man vielleicht auch dem allgemein humorigen Ton entnehmen kann – so schlecht hat man das nicht gemacht mit diesen beiden Außenposten. Aus musikalischer Sicht – sowohl im Badehaus als auch im Cassiopeia wurden eben auch jene Bands platziert, die den Langmut des durchaus mit einem gewissen musikalischen Wertkonservatismus gerüsteten Desertfest-Zielpublikums auf die Probe stellen könnten. Zumindest, wenn ich dies mal aus dem Blickwinkel des zweiten und dritten Festivalstages sagen darf: Da montierte mir beispielsweise die wunderbare Band Gold in der Cassiopeia derartig die Rübe ab, dass ich nur selig lächeln konnte (dickes Dankeschön an jenen Menschen, der mir im Vorfeld den entsprechenden Konzertbesuch warm ans Herz legte) – mit einem Amalgam aus (Black) Metal, Noiserock, irrsinnig intensiver Attitude und manchmal wohlig an Lana del Rey gemahnenden Gesang (dazu später mehr). Was ich sagen will? Ja, da hat man Freiraum mit Bedacht genutzt, um ein Portfolio gewinnbringend zu erweitern, um Dinge reinzuholen, um ein Festival aufregender, vielschichtiger, spannender zu machen. Naja, bei mir rennt man damit ja immer offene Türen ein. Da nehme ich auch in Kauf, mal etwas zu verpassen (was leider der Fall war, weil sich Gold sowohl mit dem Samsara Blues Experiment als auch mit Suma überschnitten). Und das mit dem Reinkommen war relativ problemfrei organisierbar, wenn man rechtzeitig am Start war (was so ne Viertelstunde vor Konzertbeginn war). Später kam man halt nicht mehr rein, was jetzt bei der Diskrepanz 300er-Laden (mehr würde ich in den Konzertraum im Erdgeschoss nicht reinquetschen) und 1500-Leute-Festival auch nicht weiter überraschend ist (und bei ähnlichen Konzepten auch nicht anders ist). Also ich hab’s gemocht. Diese Abwechslung.

Domkraft

Jetzt aber rein ins Vergnügen: Ich bin ja etwas wacklig in den zweiten Tag gestartet – kein Wunder angesichts der Tatsache, dass ich dank Atlantikflug schon schlanke anderthalb Tage wach war, ehe das Gerummse überhaupt losging (schlafen kann man das ja nicht nennen, was man im Flieger macht). Aber mein Tipp – es funktioniert! Munter den Jetlag aus den Knochen gefeiert und getrunken, die einzigen Kopfschmerzen waren die vom Bier, Daumen hoch. Nun denn, wacklig hin oder her, Domkraft wollte ich schon sehen, die Platte „The End Of Electricity“ mag ich mit ihrer Gleichzeitigkeit von Stoizität und Detailverliebtheit ziemlich gern und das Konzert sollte den guten Eindruck nachhaltig unterstreichen: Ja, da wurde das Riff gewalkt und zwar am liebsten raumgreifend im zeitlichen Sinne. Und nein, es wurde zumindest mir keine Sekunde langweilig, weil das schwedische Trio zum einen satten Punch hat (der durch den hin und wieder dezent an Suma gemahnenden Sprech-Schrei-Gesang noch einmal unterstrichen wird), zum anderen auch den dazugehörigen, schleppenden Trance-Groove (Augen zu, Kopf wackeln, nich) und zu guter Letzt diese Heavyness auch gerne mal mit psychedelischen Zutaten oder kontrolliertem Kontrollverlust aufzulockern versteht. Das Ganze wurde überdies noch im Astra-Foyer zelebriert, das auch ziemlich gut gefüllt war. Warum ich dies derart betone? Nun, der Sound im Hauptsaal in dem guten Haus ist (wie ich inzwischen auch Berichten über andere Konzerte entnehmen konnte) wohl generell ganz schön basslastig – im Foyer hingegen hatte man seine schöne Freude an der wohl tarierten Balance der einzelnen Komponenten. Und dies kam nun wiederum einer Band wie Domkraft, die mit ihrer beinahe schon überzeichneten Riffigkeit auch immer im an der gefährlichen Kante zum Soundbrei agiert, unbedingt zugute.

Dies war dann bei Mars Red Sky auf der Mainstage anders: Hier war der Sound in einer Art und Weise fett, dass es beinahe schon keinen Spaß mehr machte – und dies sage ich als einer, dem es eigentlich nicht laut genug sein kann. Nix gegen eine gewisse Körperlichkeit, aber hier waren alle Regler dermaßen oben (mit Hang zu erwähnter Basslastigkeit in den Tonlagen), da suchte ich dann hin und wieder schon mal Schutz in der Bühnenbar (die schickerweise offen war, aber leider über keine Toiletten verfügt – grrr). Nun, dass sich an den Franzosen die Geister scheiden, muss ich denn doch noch einmal erwähnen – so häufig war davon nach dem Konzert die Rede. Ja, den Gesang von Julien Pras muss man durchaus mögen, andererseits macht es für mich gerade dieser Clash der stimmlichen Zartheit und Verletzbarkeit mit hoher musikalischer Dichte und Schwere aus: Hier sind Mars Red Sky absolut unique. Und sie schaffen es, diesen scheinbaren Gegensatz in den guten Momenten mühelos aufzuheben – mit dem Überhit „Hovering Satellites“ (früher Höhepunkt des Konzerts) beispielsweise, an dem ich mich nicht satthören kann. Leider (und dies meine ich wirklich bedauernd, weil ich die Band auch schon anders erlebt habe) verlor man mit zunehmender Dauer ein wenig den Fokus – oder um es mal hart zu sagen, die haben sich dann einfach verdaddelt. Stranded in Psychedelic, sozusagen, was sich dann dummerweise auch gleich auf die eigene Körperspannung niederschlug. Und just in dem Moment, in dem es offenbar auch den drei Franzosen klar wurde, dass sie hier drauf und dran waren, die Sache zu verlieren, schlug das Verletzungspech zu – Bassist Jimmy Kinast pfefferte wütend das Instrument in die Ecke. Zerrung. Herrje, so etwas habe ich ja beim Fußball schon oft erlebt (da aber eher in den Beinen, weniger im Arm), aber noch nie auf der Konzertbühne.

Wechsel ins Foyer – da wollte es jemand aber ganz genau wissen. Dass Wucan in der Lage, auf der Bühne einiges zu bewegen, hatte die Band schon beim Gig in der Leipziger moritzbastei klar gemacht. Aber das hier war kein normales Konzert. Das war eine satte Vollbedienung in Sachsen Ekstase. Francis Tobolsky wollte es diesmal aber ganz genau wissen, irrlichterte im höchst positiven Sinne zwischen Mikrofon, Theremin und Flöte, um uns als ausgedrehte Hippie-Schamanin wahlweise den Arsch zu versohlen oder spirituell zu bezirzen. Ich sah an diesem Wochenende viele wunderbare Auftritte – in Sachen Intensität sollte da aber niemand mehr rankommen. Die Bude brannte, selbst geradezu irrwitzige Riemen wie „Wandersmann“ wurden gefeiert (nicht zuletzt dank der psychedelischen Elemente, die die Dresdner aber im Gegensatz zu Mars Red Sky immer im Griff hatten), am Ende hätte man sich gerne noch ein paar Minuten mehr von diesem Exzess gewünscht. Die Meinung, hier wolle aber jemand den Blues Pills ernsthaft ans Leder, wurde im Anschluss mehrmals sehr ernsthaft vertreten – wobei man allerdings konstatieren darf, dass Wucan bei aller klassischer Blues-Rock-Orientierung schon einen dezent anderen Sound pflegen. Ich sage da nur Krautrock und dies mit einem sehr breiten Lächeln.

Gold

Gold

Zeit für Soundveränderungen. Zumindest stand mir nach dem rundum überzeugenden Wucan-Auftritt genau danach der Sinn – schade für das Samsara Blues Experiment, die ich eigentlich mag. Aber ich wollte den Wumms und hatte da noch diesen Tipp im Hinterkopf. Gold. Die solle ich mir anschauen, gab man mir aus der metallischen Ecke zu verstehen. Klang nach Wumms. Trotzdem war ich überhaupt nicht vorbereitet auf das, was sich da in der erfreulich intimen Cassiopeia-Atmosphäre über mich ergießen sollte: Eine Band wie ein Uhrwerk, vier schwitzende Arbeitstiere an den Gitarren (ein Bass, drei Gitarren), ein schwitzender Wahnsinniger am Schlagzeug, der es schaffte, im Konzert die Bassdrum zu zerschießen (sieht man auch nicht alle Tage) und als Kontrapunkt der Schönheit die fantastische Sängerin Milena Eva. Voller Kühle, voller Distanziertheit und dennoch beseelt von Intensität und Leidenschaft. Was für eine Inszenierung!!! Da flog mir mal eben die Dichtung weg, ehrlich. Und dies umso mehr, da mir Gold mit dem erwähnten Bastard aus Black-Metal-inspirierten Riffs, einer rhythmischen Vertracktheit in bester Noise-Rock-Tradition und (das vergaß ich zu erwähnen) einem nicht zu unterschätzenden Pop-Appeal auch musikalisch die Birne aber mal so richtig durchgepustet haben (wozu auch ein prima Sound beigetragen hat). Kinnlade runter: Warum zum Teufel hast du diese Band nie auf dem Schirm gehabt? Wenn die mal irgendwo sind – hingehen! Unbedingt hingehen! Allerdings kann die neue Platte „Optimist“ das energetische Level des Konzerts nicht ganz halten, was mich jetzt aber angesichts der gezeigten Leistung nicht wirklich überrascht – dies sei auch noch erwähnt. Und erwähnt werden muss auch, dass Suma dann bestens hinten dran gepasst haben: Ein paar Minuten sollte ich noch erwischen. Meine Grundeinstellung zur Band ist eh klar, da muss ich hier kein großes Gerede machen. Und abgerissen haben die Schweden wieder dermaßen amtlich. Word.

Sleep

Die große Frage: Würde die Konzentration leiden? Was kann Sleep noch ausrichten nach diesen zwei gepflegten Tritten an die Rübe? Würde mich dieses Konzert, auf das ich ja auch schon ziemlich gewartet habe (mir ist die Band live bis dato immer durch die Lappen gegangen), noch erreichen? Hmm, ja und nein. Es ist nicht so einfach, sich nach den zwei erwähnten Vollbedienungen mit Noise-Ausrichtung auf einen Sound zu fokussieren, der sich dann doch eher über ein gewisses ehernes Dahingleiten definiert. Ich fand mich irgendwann auch in einer Debattenrunde wieder, in der über das „Zuviel an Bass“ geredet wurde (Diskussion kann man es nicht nennen, da sich alle Beteiligten einig waren) – das sagt wohl einiges über das Thema Konzentrationsmangel aus. Andererseits muss man festhalten, dass Sleep schon mächtig gerult haben: Die Band hatte richtig Lust auf das Desertfest, das wiederum auch richtig Lust auf die Band hatte. Meine Fresse, „Dragonaut“ habe ich vor 25 Jahren schon gefeiert! Und da sind noch keine Verschleißerscheinungen erkennbar! Irgendwann war man dann doch mittendrin in der Party, im Kopfschütteln und Abspacen, unterwegs im Stoner-Doom-Zauberwald, aus dem man nur mit einem seligen Lächeln wieder rauskommt. War da irgendwas mit zu viel Bass? Keine Ahnung, aber frag mich später noch mal wieder. Unbewußter Gradmesser für die Güte eines Konzerts – wenn danach die Rübe voll ist. Nach einer Pause schreit. Ich stehe draußen und rauche ordentlich durch. Puh.

Riff Fist

Riff Fist (was für ein Name) können da wenig machen, auch wenn sie eigentlich nix falsch machen. Wir sind uns schnell einig, dass die auf einem gewissen Festival einer gewissen Band (Checker wissen, worum’s geht) eine großartige Figur machen würden. Nur nicht jetzt und hier bei mir. Immerhin, der Zustand sollte unser Fähnlein nicht davon abhalten, die ein oder andere gute (lecker Dürüm verputzen) und die ein oder andere weniger gute Idee (bei Temperaturen um den Gefrierpunkt am Boxi Kiosk freisitzen) in die Tat umzusetzen. Womit der Jetlag dann endgültig ersoffen war …

The Devil & The Almighty Blues

Schickerweise bestrich uns das Schicksal den letzten Desertfest-Tag mit Sonnenschein, womit der Wetterkater auch vertrieben wäre (bei 30 Grad in den Flieger klettern und bei Kaltregen wieder raus ist kein Spaß). Sitzen war das Gebot der Stunde, stehen würde man noch lang genug, dazu gab’s Brunch, Prosecco, Bier und Berliner Luft, was man halt so zu sich nimmt an einem Festivalsonntag. Irgendwann brach gar Panik aus, weil sich das Fähnlein arg verdaddelte und die Gefahr bestand, The Devil And The Almighty Blues zu verpassen. Dabei waren die empfohlen worden und nach dem Volltreffer Gold hatte ich mir vorgenommen, Empfehlungen nicht mehr zu ignorieren. Und siehe da, es war die richtige Einstellung: Mit dem B.B.-King-Aufnäher auf der Jeansjacke werden die Roots mehr als deutlich offenbart, das entsprechende Andocken mit modernen Mitteln und Möglichkeiten geradezu zelebriert. Ja, Mann, diesen Namen sollte man unbedingt ernst nehmen, der Blues und so. Erdig, Alter. Massiv erdig. Und – so ist dies nun mal, wenn man nahe dran ist an der Erde – eben auch ein bißchen schmutzig. Rau. Kratzig. Wie es sich für eine gute Blues-Band gehört, spielten die angenehm auf der Klaviatur der Emotionen: Auf „was fürs Herz“ folgte, nein, kein Brecher, wir sind ja hier nicht in Stumpfhausen, es folgte jedenfalls „was fürs gebrochene Herz und die schwarze Seele“. Charmant. Und mit einem Stomper wie „These are old hands“ in der Hinterhand kann man eh nix falsch machen. Ach ja – schön fand ich persönlich ja, wie Frontmann Arnt Anderson immer wieder genau wusste, wann er das Feld zu räumen und es der Gitarrenfraktion zu überlassen hatte. Dann saß er hinten an der Bühne und sah ein wenig so aus, als könne er selbst nicht ganz glauben, was sich da vor ihm abspielt.

Ur

Ja, das musste man dann auch erst einmal sacken lassen – je länger ich darüber nachdenke, desto weiter vorne laufen die Norweger in der Endabrechnung ein. Und die nächste Dröhnung wartete ja schon: Nachdem ich Teilen unseres Fähnleins Mother Engine warm ans Herz gelegt hatte (ich kann mich zu gut an meine erste Begegnung mit der Band erinnern, die mir ordentlich die Kinnlade runterklappen ließ – inzwischen kennt man den Effekt ein wenig zu gut), war mal wieder Zeit für einen gründlichen Soundwechsel. Oder besser gesagt für einen dicken, fetten Tritt an die Rübe, den man UR auf jeden Fall erwarten durfte – zumindest, wenn man die drei Stücke zu Rate zieht, die auf der gleichnamigen Platte zu finden sind (die nun auch schon ein paar Tage auf dem Buckel hat, aber neuer Stoff ist schon in Sichtweite). Und ei, die Erwartungen sollten erfüllt werden. In erbarmungsloser Weise – ich hatte schon erwähnt, dass ich nun nicht unbedingt ein Lautstärkeflieher bin, aber da musste ich kapitulieren. Echt. Ohne Ohrstöpsel (und ich bin kein großer Freund von Ohrstöpseln, habe allerdings bis dato auch nur Billigmaterial verwendet) war das nicht zu machen. Nicht, weil der Sound schlecht gewesen wäre, nein nein, das war Klasse, wuchtig, aber fein differenziert, mit jeder Menge Platz für die Katharsis und für das melancholische Streichen über den Kopf. Aber es war einfach gigantisch laut in der Cassiopeia. Höhen, die einem die Rübe abgebissen haben. Und Bässe, die einem permanent in den Bauch boxen. Das war ganz großer Sport, aber ich musste in die Bar. Tut mir leid, wenn ich dies mal in dieser Direktheit rauslassen muss. Da war ich ein Weichei. Ansonsten machten UR alles richtig, jedes Fitzelchen Erwartungshaltung wurde vollumfassend erfüllt. Was für ein irrsinniger Trip. Hinab in das Herz der Finsternis, der immer dann gewaltig wurde, wenn es die Band doch mal zugelassen hatte, ein Fitzelchen Licht reinzulassen in diese Katharsis. Doom. Leute. DOOM. In seiner vernichtendsten, unmenschlichsten, (über-) forderndsten Art und Weise. Dargebracht in einer Konsequenz und Präzision, die einem ein klein wenig den Atem raubte. Und verdammt noch eins – mittendrin in diesem Strudel aus Heavyness und musikgewordener Körperlichkeit steckte auch der entscheidende, klitzekleine, aber für mich wahrnehmbare Anteil an Eingängigkeit drin. Das Ding, das einen mitwackeln lässt mit der Rübe. Und schwanken wie ein Grashalm im Wind. Am Ende des Tages für mich mit das musikalisch bemerkenswerteste Konzert vom Desertfest 2017.

1000Mods

Wo viel Licht, muss auch mal ein wenig Schatten sein: Die einzige Band, die mich doch völlig kalt gelassen hat, waren tatsächlich 1000Mods, die auf der Hauptbühne spielten. Irgendwie stimmte da nur wenig – der Sound war enorm matschig, außerdem kam das Ganze im Gegensatz zum recht schicken Auftritt auf dem letztjährigen Stoned From The Underground eben nicht cool und abgehangen rüber, sondern ziemlich abklatschig: Ich wurde das ungute Gefühl nicht los, einer Kyuss-Coverband beizuwohnen, derart nahe bewegte sich das Gebotene am Original. Naja, andererseits machten die Griechen aber offenbar auch alles richtig, wenn man später in diverse zufriedene Gesichter schaute.

Pontiak

Reden wir aber mal von wunderbaren Momenten. Und da bekamen wir erneut eine volle Breitseite im Foyer verpasst – fantastisch, was Pontiak da veranstalteten. Erneut war ich vollkommen geflasht: Zum einen von der wahnwitzigen Eingespieltheit, mit der die drei Herren Carney gemeinsam ans Werk gehen – da ist alles am richtigen Platz, da wird alles zur richtigen Zeit gespielt. Ein klares, differenziertes Schlagzeugspiel ohne überflüssige Mätzchen, aber mit einem gepflegten Drive/Groove, der die ganze Geschichte wunderbar in Schwung und Bewegung hält (inklusive rundum zu lobender Beckenarbeit). Der Bass, der sich daran anlehnt, zum einen stützend und andererseits gestützt werdend, den Vorwärtsdrang präzise steuernd und dabei permanent präsent als eigenständiges Instrument. Die Gitarre, die einen Punch mitbrachte, der mich vollkommen aus den Socken gehauen hat (dabei dachte ich, dass Pontiak ob des Sounds ein wenig aus dem Kulturhaus-Astra-Line-up rausfallen würden, aber dann passten die wie die Faust aufs Auge). Naja, und dann ist da noch die Sache mit dem Gesang. Da hatten wir ja schnell einen gemeinsamen Standpunkt im Fähnlein gefunden, der mit rühmenden Worten die Tatsache herausstellte, dass da alle Beteiligten am Mikrofon zugange sind. Ach, eh dieses Ding mit der Bandchemie: Solchen Leuten könnte ich stundenlang, tagelang beim Musikmachen zuschauen. Und auf diese kleinen Gesten achten, die zeigen, dass da nicht ein Haufen Zweckgemeinschaft auf der Bühne steht, sondern drei Typen, die exakt das machen, auf das sie unbändige Lust haben. Das sie als grundlegenden Sinn des eigenen Lebens für sich erkannt haben. Punkt. Und wenn dann noch die Fähigkeit hinzukommt, gleichzeitig arschcool abgehangen und fordernd arschtretend zu klingen, herrje, dann hat man alles richtig gemacht. Eins noch – oh, ich liebe es, wenn der Bass von Jennings Ingham Carney (allein schon diese Namen! Jennings Ingham, Lain Jackson und Van Champlin! Daraus MUSS ja etwas Großes werden) anfängt zu blubbern wie ein großkopferter Diesel. Und sich auf einmal eine unendliche Weite vor einem ausbreitet, in die man einfach reinreiten kann mit einem fetten Yeah!

Lowrider

Ein solches Yeah kann man auch getrost Lowrider entgegenschleudern. Wobei man immer ein wenig im Hinterkopf behalten sollte, dass diese Band (zumindest wenn man mal „Ode To Io“ als Maßstab nimmt) im Desertfest-Kontext durchaus mit dem Prädikat „Pop“ zu versehen ist. Was dann auch im Fähnlein bei entsprechenden Kostverächtern für Punktabzug sorgen sollte. Nun, meine Pop-Affinität sollte allgemein bekannt sein – da hatte ich schon meinen dicken Spaß an dem Batzen Eingängigkeit, den uns die Schweden vor die Füße pfefferten. Alles fett, Jungs, der Bass knallt (wir sind vor der Mainstage), der Körper wackelt und die Ohren sind am Anschlag. Naja, der Rest ist schnell erzählt: Wirklich lange braucht es nicht, bis man mit Lust und Laune dabei ist. Und ein paarmal hört man gar auf – herrje, da sind doch nicht etwa neue Stücke dabei? Was zumindest im Nachgang von mehreren Seiten bestätigt wurde.

Downfall Of Gaia

Aber einen hatte ich da ja noch auf der Liste, deshalb musste ich ein wenig vor dem Lowrider-Ende weichen: Downfall Of Gaia habe ich schon länger nicht mehr live gehört, dafür aber „Aeon Unveils The Thrones Of Decay“ und „Atrophy“ umso intensiver gefeiert. Nix wie hin ins Cassiopeia, der inzwischen beliebte Fachmarkt für Abrisserfahrungen. Vorsorglich nahm ich dann doch ein paar Ohrstöpsel mit, was bei Licht betrachtet nicht nötig war – die unmenschliche Kraft von UR sollte der Sound diesmal nicht haben, was ich im Nachgang durchaus positiv sehe. So konnte ich die Sache ohne störenden Filter in den Ohren genießen. Und wie ich dies genießen konnte – Downfall Of Gaia unterstrichen noch einmal nachhaltig das, was ich in einem definitiv anderen Sound-Kontext schon bei UR erlebte: Präzision. Nur dass hier eben Raserei präzise in Szene gesetzt wurde. Der Trance-Effekt war ähnlich: Nach einer Handvoll Minuten war man drin in der Abfahrt und konnte nicht mehr anhalten. In der Rückschau bin ich mir jetzt nicht sicher, ob mir da meine Wahrnehmung einen Streich gespielt hat oder ob da tatsächlich der Black Metal als bestimmendes Soundelement in den Vordergrund gerückt wurde – vielleicht war das so eine subjektive Geschichte, weil diese erwähnte Raserei den gewünschten und erhofften Kontrast zu der generell eher reduzierteren Desertfest-Geschwindigkeit ergeben hat. Was mich noch einmal nachhaltig zum Daumen hoch! in Sachen Vielfalt nötigt. Weil Downfall Of Gaia ähnlich wie UR von der Doom-Over-Leipzig-Crew auf die Beine gestellt wurde, hatte man im Anschluss an das Konzert noch ordentlich zu schnacken, dann kamen noch zwei wunderbare Finnen um die Ecke, die auf der Suche nach Stimmen zum Festival waren und meine fanden. Irgendwie lief die Zeit aus dem Ruder, raus ging‘s nur noch durch die Hintertür und man musste sich sputen, sehen wollte man das nächste Konzert dann doch unbedingt.

John Garcia

Der Meister. John Garcia. Man hatte ein wenig das Gefühl, ein Aufatmen im Saal zu vernehmen – mal ausgesprochen, mal unausgesprochen gab es doch die Befürchtung, man müsse sich vor dem Hintergrund von „The Coyote Who Spoke In Tongues“ auf ein Akustikset einstellen. Passierte nicht. Puh. Ansonsten ist es ein wenig schwer, zu dieser Sache etwas wirklich Handfestes zu sagen. Ich kann verstehen, dass es da Stimmen gibt, die dem einen gewissen Coverband-Charakter beimessen, aber ich zähle nicht dazu – weil da einer eben doch das Original ist. Nene, auf keinen Fall werde ich jemanden vorhalten, wenn er aus dem bunten Strauß an Hits die schillerndsten zum Vortrage bringt (und genau dies machte John Garcia). Wollen ja alle. Will ich ja auch – und „Rolling Stoned“ war ebenfalls dabei. Zudem gefiel mir das Konzert rein subjektiv besser als damals auf dem Stoned From The Underground – gefühlt hatte der Meister diesmal den Rockstar zu Hause gelassen und sich eher auf das Erscheinungsbild des Kumpeltypen konzentriert. Steht ihm besser (naja, steht irgendwie jedem besser). Allerdings musste ich während des Konzerts doch mal meinen Wirkungsbereich verändern, um Wechselwirkungen zu vermeiden: Als lieber Mensch hilft man gerne beim Entzünden der Sportzigarette, aber ich hatte nicht bedacht, mit Freundlichkeit auch einen gewissen Effekt zu erzielen. Den Effekt, auf einmal Teil einer munteren Kifferrunde zu sein – dabei hatte ich die Sache mit den Dorgen außerhalb der alkoholischen Kontextes schon vor vielen, vielen Monden aufgegeben (Wechselwirkungen und so). Da blieb nur die Flucht vor so viel Freundlichkeit – trotzdem danke, Leute. Zeigt aber auch a bisserl, wie so die entspannte Desertfest-Grundhaltung war. Und die war geprägt von eben jener Entspanntheit, Aggressionsfreiheit, geradezu Fröhlichkeit – nennt mich einen Hippie, aber ich mag das. Circle Pits und Walls Of Death benötige ich so dringend wie einen Pickel am Popo, ich halte dies alles mittlerweile auch nicht mehr für den Ausdruck irgendeiner Nonkonformität (in meinen Hardcore-Jahren schwang bei aller Körperlichkeit noch ein Unity-Feeling mit, das einen dazu brachte, auch auf Nebenfrau/-mann aufzupassen), eher für für das dankbare Wahrnehmen der Chance, anderen Menschen weitgehend frei von weiteren Konsequenzen ordentlich eins auf die Fresse zu geben. Gut für mich – meist erfolgt derlei beim Abspielen eher schlechter Musik (nein, ich mag Metalcore nicht sonderlich – Ausnahmen bestätigen die Regel) und ich muss mich in meinen regulären Alltag damit nicht weiter beschäftigen.

Tschaika 21/16

So, Zielgerade. Ich hatte dem Fähnlein schon in aller Eindringlichkeit eröffnet – von allein würde ich ja nicht heimgehen. Müdigkeit hin, Körperschmerz her. Ich kann mir auf die Schnelle keinen Aggregatzustand vorstellen, in dem ich nur auf den Gedanken kommen würde, mir Tschaika 21/16 nicht anzuschauen. Nicht nach diesem gigantischen Spektakel, das der liebe Rotor-Tim und der nicht minder knuddlige Onkel zu Jahresbeginn im Leipziger Naumanns angerichtet hatten (L.E. Heat, you know). Und nicht nach dieser musikgewordenene Volldröhnung namens „Tante Crystal uff Crack am Reck“, an der man vortrefflich die Geister scheiden kann – ist dies zu vertrackt, zu Um-die-Ecke-gedacht, generell zu uneingängig und so, naja, dann bist du einfach zu schwach. Hehe. Also nix wie raus mit dem seligen Lächeln, ordentlich aufgesetzt und ab in den Irrsinn – zuckend beim Math-Anteil, wackelnd bei den Abfahrten und immer wieder gebeutelt von dezenten Wahnsinn. Mich würde ja mal interessieren, wie man auf eine derartige mentale Ebene kommt, um a) diese Form von Musik zu machen und b) sich parallel dazu noch so ein Weichkeks-Geschwafele auszudenken wie der bereits erwähnte knuddlige Onkel. Muss ich mal fragen beim nächsten Mal. Die noch anwesende Meute nahm sowohl den gesprochenen Quark wie die musikalische Inszienierung mit höchster Dankbarkeit hin. Und Tschaika 21/16 setzten irgendwie auf diesen L.E.-Heat-Auftritt sogar noch einmal einen drauf – mehr Intensität, mehr Druck (wir reden mal wieder vom Astra-Foyer), mehr Eingespieltheit, auch mehr Drumherum. Trompeter und Sänger Sören erschien mir irgendwie präsenter, zentraler drin im generellen Soundbild, was diesem durchaus bekam in Sachen Vielfalt und – schichtigkeit. Klar zog ich mir diese Sache bis zum bitteren Ende rein (auch wenn dann der Ursprungsplan, noch einmal bei der Metal-Karaoke reinzuschauen, fallen gelassen werden musste – vielleicht auch besser so, fühlte sich eh nach einer Schnapsidee an).
Das Fazit? Naja, schimmerte doch schon durch, oder? Ich habe es gemocht. Die Leute (inklusive einer entspannten Security, nur diese Sache mit den Bechern, die einem am Astra-Eingangh eiskalt abgeknöpft wurden, sollte man Mehrfach-Locations noch einmal dezent überdenken). Die Musik – da waren ein paar fantastische Konzerte dabei und zwar inklusive Neuentdeckungen. Die Locations – tja, die Sache mit den unterschiedlichen Kapazitäten, naja, wie erwähnt, ist nun mal so und zwar nicht nur beim Desertfest (weiß jeder, der beim Haldern Pop oder beim Melt schon mal vor dem jeweiligen Zelt stand). Gefühlt war es zumindest an meinen beiden Desertfest-Tagen im Astra-Foyer nicht so furchtbar eng wie im letzten Jahr. Wie sagt man so schön – icke würde wieder hinjehen. Rock on.

Fotos: Klaus Nauber

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